Archive for April, 2009

foto-session.at

Sonntag, April 26th, 2009

Hallo Franz und herzlich willkommen zu Deinem zweiten Besuch im Bloggersdorf. Erzähl mir doch zunächst einmal wie sich dein Projekt foto-session.at  seit unserem letzten Interview entwickelt hat.
Das Projekt Foto-session.at entwickelt sich kontinuierlich, das heißt es kommen immer wieder Fotoalben, meist mit einem Kurzbericht dazu. Und genau das war auch die Idee für bereits über 3 Jahren, speziell Regionale Veranstaltungen, aber auch Impressionen verschiedenster Art zum Beispiel vom letzten Spaziergang. Auch finden immer wieder Fotoalben ihren Platz, die oft Firmen- oder Vereinsintern nur interessant sind. Erweitert habe wir die Bereiche neben dem Jahresarchiv, sind auch Spezielle Fotoalben wie Feuermatrix, Modelshooting, Impressionen und ähnliches zu finden.

Wie kann ich mir den Nutzerstamm und die durchschnittlichen Besucherzahlen deines Fotoportals vorstellen? Ist das Projekt vor allem regional ausgelegt oder landesweit?
Wie schon erwähnt, dort wo ich oder einer meiner Freunde unterwegs ist, von dort kommen Fotos dazu. Hauptsächliche Regional, aber wenn ein Ausflug irgendwo nach Österreich oder wie letztlich auf die CEBIT nach Hannover führt. Wird es beinahe International. So wird es ab Sommer ein Projektalbum eines Freundes von seiner Indienreise geben.

Wie triffst Du die Bildauswahl? Wirst du z.B. bei Veranstaltungen regelmäßig angeschrieben ob du Interesse hast diese zu fotografieren oder machst Du dich „auf eigene Faust“ mit der Kamera auf die Suche?
An sich mache ich mich auf eigene Faust mit der Kamera auf. Manches mal werde ich angesprochen ob ich wie letztes Jahr wieder vorbeikomme, dann kommt es nur drauf an ob ich Zeit und Lust habe. So gibt es Events die ich aus eigenem Interesse jedes Jahr wieder besuche.

Ebenso interessant wie foto-session.at finde ich das Projekt www.feuermatrix.at . Dort habe ich auch von deiner Tätigkeit als Feuer- und Schwarzlichtkünstler erfahren. Beschreibe doch bitte die Inhalte Eures Show-Programmes.
Wie Fotografieren ist auch Jonglieren und Feuerkunst eines meiner Hobbies, und ein Projekt unseres Kulturvereins in dessen Bereich auch Foto-session.at fällt. Feuermatrix seit fast 3 Jahren als Idee für Feuerkünstlervernetzung entstanden, wuchs dann auch zu eigener Feuershowgruppe, wo wir meist 4-6 Künstler von Veranstalter gebucht werden, wie auf den Fotos auf foto-session.at zu sehen ist, ist es sehr feurig, unsere Werkzeuge bestehen aus Feueropois, Feuerstaff, Feuerschwerte, Feuerdevilsticks, Feuerdiabolos, Feuerfächer, Feuerspucken, einige Pyroeffekte und das als abewechslungsreiche Coreographie gestaltet geballt zu einer Abendshow, ebenso hatten wir heuer im Fasching auch Premiere mit Schwarzlichtshow, (wie bei der Feuershow nur UV und Lichteffekte)

Als Laie hat man z.B. bei dem Wort „Feuerspucker“ automatisch Dinge wie einen klassischen Zirkus im Kopf. Wie bist Du persönlich zu dieser Tätigkeit gekommen und wie kann man sich das Training in diesem Bereich vorstellen?
Wenn ich an meine Schulzeit denke, war wenn der Zirkus im Ort war für mich Ausnahmezustand, und immer träumte ich davon. Erst vor 5 Jahren  fing ich an im Internet nach dem ich einen Feuerspucker kennengelernt habe, zu recherchieren und begann zu experimentieren. Entdeckte dabei auch verschiedene andere Feuerkunstelemente und somit entwickelte sich mein/unser eigener kleiner Zirkus, wir trainieren wöchentlich und haben derzeit meist einmal im Monat einen Auftritt.
Besonders ehrgeizig ist meine 11 Jähriger Sohn der ebenfalls seit 2 Jahren mit Feuerpois aktiv mit dabei ist.

Ihr arbeitet ehrenamtlich im Kulturbereich. Auf einem weiteren Deiner Portale www.vorne.at wird unter anderem das Thema „Kinder und Kommunikationselektronik“ aufgegriffen. Wie stehst Du persönlich zu dem Fakt, dass klassische Bildung und Unterhaltung in der heutigen Zeit oft durch digitale Medien verdrängt wird?
www.vorne.at ist ansich der Knotenpunkt unserer Kulturprojekte, wo viele Themen entstehen können, so sind aus Themen oft schon eigene Projekte entstanden, wie Bergsteigerportal, ein Freie Musikportal, Portale für Vereine und Organisationen.
So ist Kinder und Kommunikationselektronik ein Thema das ich selbst immer wieder mit Menschen diskutieren, wo ich darauf hinweise, das man sich nicht durch die neuen Medien verdrängen lassen soll.

Wie denkst Du, kann man die Vorteile des Internets in den Bereichen Bildung und Kultur auch zukünftig sinnvoll nutzen ohne das „reale Leben“ zu vernachlässigen?
In dem man sich zwar Infos und Tips für das reale Leben suchen kann, aber nicht vom realen Leben abhalten lassen soll.
Zu sehr spielt speziell bei Jugendlichen Internet, Spiele, Handy und ähnliches schon eine so übergeordnete Rolle, so das sie sich ein leben ohne diese Dinge kaum mehr vorstellen können, und vergessen auf Natur, Lebensinn, Gemeinschaft, Freunde und Spass.

Gibt es abgesehen von Deinen eigenen Blogs andere, die Du unseren Nutzern empfehlen möchtest?
Ja, das Bloggersdorf.

Abschließende Worte Deinerseits?
Ich danke für das Interview und hoffe das eure Idee viele Menschen begeistert und lange bestand hat.

Franz, vielen Dank für diesen Interessanten Einblick Deiner Arbeit.

Link:  foto-session.at

kackblog.net

Montag, April 20th, 2009

Hallo Britt, hallo Dirk, ich freue mich, Euch ein zweites Mal im Bloggersdorf begrüßen zu dürfen. Erzählt doch mal, was hat sich seit dem letzten Interview vor einem Jahr bei Kackblog.net getan?
Britt: Hallo! Freut uns auch! Ja, lang ist´s her und wir recherchieren und schreiben (und kacken) immer noch fleißig. Ein Artikel täglich, mindestens. Locker und ohne zu feste zu drücken. Wir sind ja zu zweit und können die „Arbeit“ gut aufteilen, falls einer von uns mal keine Zeit oder Lust hat. Das kommt aber echt nur ganz selten vor.
Im letzten Jahr kam der Kackshop dazu. Wer ein thematisch passendes Shirt oder Accessoires braucht („Aus dem Arsch, aus dem Sinn“, „Abkacken und Tee trinken“ oder „Wer zu spät kackt, den bestraft das Leben“, um nur einige zu nennen), der kann da gerne mal auf Shoppingtour gehen.

Mir scheint, dass sich viele Leute für Eure Scheiße interessieren. Wie viele Leser habt Ihr denn durchschnittlich?
Britt: Ganz so viele sind es leider nicht. Mein Ziel waren mal 1000 pro Tag. Momentan sind wir erst bei der Hälfte.
Dirk: Wir sind aber trotzdem zufrieden. Unsere Leser schreiben oft sehr interessante Kommentare. Da kommen tolle Konversationen zu Stande. Aber auch offline werden wir oft von Nichtlesern gefragt, was wir denn Neues geschrieben haben und wir können da wirklich stundenlang erzählen, bei dem ganzen Scheiß, den wir inzwischen zusammengetragen haben. :-D

Wie kann Kacke die Welt aus der momentanen wirtschaftlichen Lage retten?
Britt: Interessante Frage! Klar, mit Scheiße kann man schon immer viel Geld verdienen. Ich bin ja Optimist! Aber damit General Motors oder die Hypo Real Estate retten? … Dann schon eher Schiesser. Die sollten uns mal fragen! Ich hätte da so einige Ideen :-)
Dirk: Hm, Kacke kann die Wirtschaft momentan nicht wirklich retten, aber vielleicht zum Nachdenken anregen. Immerhin produziert ein jeder von uns tagtäglich etwas Einzigartiges, das nur kurze Zeit das Licht der Welt erblickt und dann mit allerlei Wasser und Papier in der Tiefe verschwindet. Wir sollten das, was wir von uns geben, manchmal genauer betrachten, es mehr schätzen und anderen davon berichten. Kommunikation, über Dinge reden, diskutieren und gemeinsam neue Ideen entwickeln. Das könnte so einiges bewirken.

Ich finde es übrigens großartig, wie Kindern die „Kotformen“ von Tieren durch den Maulwurf beigebracht werden. Was glaubt Ihr, wer denkt sich solche Zeichentrickfilme aus?
Britt: Jemand, der mitten im Leben steht und sich traut, die Dinge beim Namen zu nennen. Wahrscheinlich kein Lehrer.
Dirk: Oftmals ist das tägliche Geschäft immer noch ein Tabuthema. Dabei lassen sich an den Fäkalien z.B. Krankheiten und eine falsche Ernährung ablesen. Es kann also auch der Gesundheit dienen, sich mit seinem Stuhlgang zu beschäftigen. Trotzdem gilt es als eklig, darüber zu reden.

Habt Ihr euch in den Texten jemals mit den Farbspektren in der Schüssel befasst? Grünkohl, Rotwein etc.
Britt: Klar! In „Klugscheißen leicht gemacht, Teil 9“  im April 2008 ging es um das Farbspektrum. Isst man viel Fleisch, Blaubeeren oder sehr viel Lakritze, färbt sich der Stuhlgang schwarz-braun. Grün-braun wird er, wenn man viel Gemüse, Salat oder Spinat isst. Rot-braun kommt von Roter Bete. Und nimmt man sehr viele Milchprodukte, Eier oder stärkehaltige Koste wie Nudeln zu sich, kommt gelb-brauner Kot raus.
Dirk: Es ist relativ einfach, die Farben der Deutschlandflagge zu kacken. Mit etwas zeitlichem Abstand zwischen den Farben.

Der Klassiker: Kot in die Tüte, dem Feind vor die Tür, anzünden und klingeln. Jemals gemacht? Wir wären auch für andere Empfehlungen offen…
Dirk: Wir haben keine Feinde. Und das mit der brennenden Tüte, die dann ausgetreten wird und so – das finden selbst wir eklig. Nein, sowas macht man nicht.

Welche Blogs sind momentan außer Eurem so frisch-dampfend, dass Ihr sie lest und hier empfehlen würdet?
Britt: Mein absoluter Favorit momentan ist “Dark roasted blend”  Hier gibts „Weird & wonderful things“. Ansonsten hab ich ganz viele Advertising und Design-Blogs abonniert, das bringt mein Beruf so mit sich, z.B. joelapompe.net oder mastercom.over-blog.com oder notcot.org
Dirk: Ich habe so viele Blogs in meinem Reader, aber meine absoluten Lieblinge sind “Ralphs nutzloses Wissen”  für Klugscheißer, “Fail Blog”  für Fremdschämer, “The Big Picture”  für Fotoliebhaber, “Caschys Blog”  für Technikinteressierte und “Als wir Olme aßen”  für durchgeknallten Fäkalhumor (leider wurde hier lange nichts mehr geschrieben).

Abschließend habt Ihr noch kurz die Möglichkeit Eure Weisheiten unzensiert preiszugeben.
Britt: Niemals lesen auf dem Klo! Das begünstigt Hämorrhoiden! Außerdem empfehle ich in der Zeit zwischen Fastnacht und Ostern eine Fastenkur zur Darmreinigung. Ist die Kacke gesund, freut sich der Mensch!
Dirk: Naja, zu lange auf dem Klo lesen ist ungesund. Ich bin selbst bekennender Klo-Leser. Durch die Haltung auf der Klobrille werden die Backen auseinander gezogen, um dem Kot die Bahn frei zu machen. Dabei wird eben auch die Rosette frei gelegt und das kann die Bildung von Hämorrhoiden begünstigen.
Regelmäßiger Stuhlgang zwischen dreimal täglich und dreimal in der Woche ist normal. Weniger ist Verstopfung und mehr ist Durchfall. In beiden Fällen unbedingt den Hausarzt aufsuchen, denn der Verdauungstrakt ist ein Indikator der Gesundheit.
Unser Kackblog-Spruch: “Ich kacke, also bin ich!”

Ich danke Euch für die Zeit und wünsche weiterhin viel Erfolg bei Eurem Geschäfts-Blog.
Link: kackblock.net

antigone20.de

Dienstag, April 14th, 2009

Am kommenden Freitag, den 17. April feiert die Theatergruppe des interaktiven Projektes “Antigone 2.0″ die Premiere des Stückes “Ödipedia” im Kulturhaus Spandau Berlin. Dieses in unseren Augen sehr interessante Projekt war uns natürlich ein ausführliches Interview wert, welches wir Euch hier präsentieren wollen.

Benedict, auch Dich begrüßen wir aus gegebenem Anlass schon zum zweiten Mal in unserem fröhlichen Dorf der Worte. Bitte erkläre für alle, die das erste Interview nicht gelesen haben noch einmal, worum es sich bei dem Projekt „Antigone 2.0“ handelt und wie dieses entstanden ist.
Antigone 2.0 ist eine freie Theatergruppe in Berlin. Wir wollen Theater machen, dass sich mit den Trends auseinandersetzt, die unsere heutige Generation erlebt. Das sind veränderte Arbeitsverhältnisse, anderer Umgang mit Wissen, aber vor allem das, was unter dem Begriff „Web 2.0“ verstanden wird: Die Bündelung von Inhalten der Theatermacher, mit denen der Zuschauer, die ständige Kommentierbarkeit einer Aufführung via Live-Chat, die Nutzung des Theaters als Plattform für Themen, die die Zuschauer interessieren – und nicht irgendwelche abgehobenen Künstler in einem Wolkenschloss, das sind alles Konzepte, die wir ausprobieren und „Theater 2.0“ nennen.
Die Gruppe wurde im Mai 2007 gegründet und besteht hauptsächlich aus Studenten (davon viele Theaterwissenschaftler), aber auch aus ein paar Profis, insbesondere im technischen Bereich. Wir haben mit der gleichnamigen Inszenierung „Antigone 2.0“ im November 2007 großen Erfolg gehabt. Wer im Publikum dazu Lust hatte, konnte während der Aufführungen live über diese chatten, der Chat wurde auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert.
Erkläre mir doch bitte Deine Funktion bei „Antigone 2.0“
Ich bin Gründer, Produzent und Regisseur bei Antigone 2.0. Als Gründer habe ich das Team zusammengestellt und das Konzept für die Gruppe und die Inszenierungen geschaffen. Als Produzent organisiere ich Aufführungs- und Probenräume, Sponsoren und die PR-Strategie. Als Regisseur lege ich das künstlerische Konzept jeder Inszenierung fest, bin natürlich bei allen Proben vor Ort und sage den Schauspielern, was sie tun, wie sie stehen und gehen, wie sprechen sollen. Ich lege die Requisiten und Kostüme fest, die wir verwenden und habe notfalls auch bei allen anderen künstlerischen Entscheidungen (Bühnenbild, Maske, Licht) das letzte Wort, auch wenn ich hier meine Teammitglieder möglichst frei arbeiten lassen will.

 Das Projekt verinnerlicht das Transparenz-Prinzip des web 2.0. Allgemein kann man sagen, dass dieses heute in fast allen Alltagssituationen präsent ist und diese beeinflusst. Wie denkst Du, wird sich dieser Einfluss in Zukunft auf das klassische Theater auswirken?
Das klassische Theater geht das Web 2.0 einseitig an, wie ich finde: Fast alle Theater haben eine Webseite, viele bloggen, manche twittern sogar. Auf den meisten Seiten lassen sich Kommentare hinterlassen. Das ist alles gut und richtig, hat aber mit Theater nichts zu tun, sondern mit Marketing. Wenn ein Theater das Web 2.0 produktiv nutzen will – und das muss es selbstverständlich nicht, sollte es aber, wenn es gesellschaftliche Relevanz haben will – müssen Web 2.0-Prinzipien vom Web auf die Bühne: Transparenz, Kommentarfunktion, gleichzeitige Ermöglichung von Anonymität oder Selbstentblößung, User Generated Content und am Besten alles davon kombiniert. Hier ein Beispiel für eine hypothetische Inszenierung, die sich das Label 2.0 anheften könnte – das wurde so nicht gemacht, die Idee ist mir gerade spontan gekommen.
„Der Maskenball 2.0“, frei nach Verdi: Die Zuschauer werden einzeln eingelassen und bekommen, wenn sie möchten beim Einlass eine Maske. Es gibt keine Sitzplätze, sondern man wird direkt auf die Bühne geführt. Dort werden die Zuschauer von Schauspielern in ein Gespräch verwickelt, je nach den Antworten beeinflusst das Ablauf und Handlung des Stücks. Das ganze wird live auf einer Internetseite übertragen. Die Zuschauer dort können den Schauspielern auf der Bühne, wenn sie mögen SMS-Nachrichten schicken oder sogar anrufen – denn wer braucht heutzutage noch Wahrsagerinnen und Boten? Auch diese Kommunikationsebene beeinflusst Ablauf und Handlung des Stücks. Alles darf passieren, nichts muss, jeder kann jederzeit aussteigen. Zum User Generated Content kommt der „redaktionelle“ Content von Regisseur und Schauspielern, beides mischt sich und wird zu einer neuen, tollen Sache.
Die Idee ist schon ziemlich 2.0, ohne irgendeine besonders neue oder ausgefallene Technik einzusetzen. Da wir aber alle total auf Technik stehen, wird sich das Theater vielleicht nach und nach zu Theater mit Twitterwalls entwickeln. Die Zuschauer lassen ihre Handys an und kommentieren live das Bühnengeschehen. Auch hier können interessierte Personen „von außen“, die es leider nicht zum Theaterabend schaffen die Kommentare live mitlesen und können selbst drauf antworten, z. B. sowas wie „@opernfreak: Naja, würde mir glaube ich nicht gefallen, stehe mehr auf moderne Kostüme“
Ich behaupte mal ganz dreist, dass auf dem Gebiet – zumindest im deutschsprachigen Raum, unsere Gruppe der Pionier ist. Aus verschiedenen akustischen Gründen haben wir bei unserer ersten Inszenierung „Antigone 2.0“, nach der die Gruppe benannt ist, statt Handys Notebooks verwendet, über die man chatten konnte. Das Konzept – und unsere spezielle Chatsoftware für Theater – wird nun auch von der Thomas Mann Oberschule für die Inszenierung „die Beamerbrooks“ eingesetzt.
Wichtig ist mir aber zu betonen, dass alle Web 2.0-Elemente, die man einsetzt, auch zum Stück passen müssen. Genauso wie alle Kostüme, die man einsetzt, zum Stück passen müssen. Oder, wenn es das Konzept will, dass eben nichts zusammenpasst, so muss auch das in sich schlüssig sein.

Inwiefern beeinflusst das Internet im Allgemeinen inzwischen deinen Alltag?
Sehr. Morgens nehme ich meinen ersten Kaffee vorm Computer zu mir. Dann werden erstmal E-Mails gelesen und beantwortet. Ich bin ein Mensch, der gern so viel wie möglich schriftlich hat, fast alle mündlichen Absprachen in der Gruppe werden nochmal per Mail bestätigt. Die Kommunikation läuft generell mehr über Mail als z. B. telefonisch ab.
Unser aktueller Probenplan steht online unter ödipedia.de – Probenplan, genauso unsere Requisitenliste und der Text der Inszenierung. Ich merke mir von keiner einzigen Probe mehr die Uhrzeiten, sondern schaue immer vorher im Internet nach. Dadurch verkümmert mein Hirn vielleicht, ich weiß es nicht, aber andererseits kann ich mich auf das Wesentliche, auf die künstlerischen Aspekte konzentrieren. Die Verwendung des Wikis auch für die Planung von Ödipedia war eine geniale Idee. Als Theatergruppe arbeitet man immer in gewissem Maße kollaborativ und das Wiki ist ideal dafür. Natürlich braucht man auch weniger Papier.

Über alle Aufführungen, Proben, Neuigkeiten, Sponsoren, interessante Veranstaltungshinweise, über unsere Parties usw. usf. wird auf dem Blog der Gruppe www.antigone20.de geschrieben. Jedes Teammitglied hat einen Account, aber wie viel man schreibt ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich schreibe relativ viel und alles, was zu kurz für einen Blogeintrag ist, oder zu banal, wird getwittert.
Angebote zum Beispiel für T-Shirt-Druck, hole ich übers Internet ein. Bei teureren Dingen wird noch postalisch gearbeitet, die Angefragten bekommen einen Flyer und einen Button dazu und eine Unterschrift mit blauer Tinte, ich habe das Gefühl, dass das trotz allem noch mehr Wertschätzung des Geschäftspartners ausdrückt (den wir in aller Regel um Spenden oder günstige Bühnenbildmaterialien anbetteln), als jede noch so höfliche E-Mail.
Und während ich natürlich auch offline genug Hobbies habe, nutze ich das Internet auch zwischendurch zur Entspannung. Ein gewaltiges Problem ist, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen. Würde ich an einem Fließband, in einer Küche, oder auf dem Bau arbeiten, dann würde ich da Stunde um Stunde konzentriert meiner Arbeit nachgehen können, weil es außer dem Gespräch mit Kollegen nicht viel Ablenkungsmöglichkeiten gibt. Wenn ich dagegen online zu planen, zu bloggen, zu recherchieren und zu kommunizieren habe, um die Inszenierung voranzubringen, lauern überall hinterlistige Links, bösartige Berufsblogger, gemeingefährliche Onlinespiele oder vampirähnliche Nachrichtenportale, die meine Lebenszeit aussaugen wollen. Für mich persönlich habe ich festgestellt, dass besser ist, keine kurzen Pausen nach jeder Aufgabe mehr zu machen, auch wenn das vielleicht der ein oder andere Ratgeber empfiehlt, sondern stattdessen mehrere Stunden durchzuarbeiten und sich zu sagen, Punkt 14 Uhr mache ich eineinhalb Stunden Pause.
Den gleichen Ansatz verfolge ich übrigens nicht nur Online, sondern auch bei den Proben. Nach zweieinhalb Stunden Arbeit gibt’s da zehn Minuten Pause, dann wieder zweieinhalb Stunden Arbeit.

Das Internet macht sich auch ständig bemerkbar, wenn es weg ist. Durch Zufall ist es heute ausgefallen, als ich die Antworten für das Interview formuliert habe und verzweifelt versuchte ich mich an einzelne Daten zu erinnern, die ich sonst innerhalb von Sekunden gegoogelt oder auf unserer Seite nachgeschlagen hätte. Was manche Leute irritiert: Ich tippe während des Telefonierens. Ich google live nach dem Gesprächsthema. Meistens, wenn mein Gegenüber mich fragt „Hast du schon von der neuen Inszenierung von … gehört?“, oder „Kannst du mir sagen, wo ich 100 Moonboots herkriege?“ (Theaterleute haben absurde Bedürfnisse) Und das schlimmste ist, ich tippe nicht mal unauffällig, sondern sehr laut, um dann zu antworten „Klar hab ich davon gehört, da spielt doch … mit.“ Üble Sache, dieses Internet, ganz üble Sache…

Ab dem 17. April werdet Ihr im Kulturhaus Spandau Euer neues Stück “Ödipedia – Auf der Suche nach” inszenieren. Der Titel hört sich stark nach „griechische Mythologie trifft neue Medien“ an. Worum geht es inhaltlich?
Inhaltlich geht es darum, dass griechische Mythologie neue Medien trifft. Spaß beiseite: Ödipedia setzt sich aus den Worten Ödipus und Wikipedia zusammen. Wir bringen das gesamte Leben des Ödipus auf die Bühne, also nicht nur das bekannte Drama „König Ödipus“, sondern auch seine Erlebnisse auf Kolonos und ein Stück Vorgeschichte. Der Text der Inszenierung ist nach dem Wikiprinzip entstanden. Vier Monate lang hatte wirklich jeder die Möglichkeit den Text auf ödipedia.de zu bearbeiten und zu ergänzen. Eine Reihe neue Rollen kam hinzu: Ein stummer Drache, ein sprechendes Fahrrad. Der weise Seher heißt auf einmal Fred. Der Königsstuhl ist ein weinrotes Sofa mit Alcantarabezug. Es gibt eine neue Szene, die Lokastes Motive in dem Stück ausführlich erklärt – das gab es in den Originalstücken von Sophokles so nicht. Wir wussten zu Beginn nicht, ob Leute lieber vorhandenen Text leicht umarbeiten, oder ob sie sich lieber austoben und Szenen ganz neu schreiben. Daher haben wir den Text in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil wurde ein Urtext, entwickelt von meiner Dramaturgin und mir und basierend auf „König Ödipus“ von Sophokles eingestellt, der dann erweitert und bearbeitet werden konnte. Im zweiten Teil haben wir nur hingeschrieben, worum es grob gehen solle. Beide Teile sind völlig unterschiedlich. Die Personen, die den zweiten Teil gestaltet haben, haben sich kurz gefasst, vielleicht so, wie sie es von der Wikipedia gewöhnt sind: Keine langen Chorlieder, keine ausschweifenden Metaphern, sondern punktgenau zum Ziel. Im Original hatte König Theseus in diesem Stück eine textlich sehr große Rolle. Bei uns bleibt seine Figur interessanterweise genauso wichtig, er sagt aber nur noch vielleicht zehn Sätze.

Jetzt fragt man sich natürlich, warum wir mit dieser Theater&Wiki-Idee gerade Ödipus inszenieren. Der Grund ist, dass Ödipus sein Wissen um seine Identität aus vielen verschiedenen Quellen zusammensetzt. Manchen ist zu trauen, anderen nicht. Manche wissen mehr, andere weniger. Manche lügen bewusst, teils um einen Vorteil für sich selbst zu erzielen, teils um einen Scherz zu machen. Das alles entspricht dem, wie sich in unserer heutigen Wissensgesellschaft unsere Information zusammensetzen. Sie sind fragmentiert, wie Ödipus Identität fragmentiert ist.

Gab es bis jetzt Kritik daran, dass Ödipus von Euch so „modern“ dargestellt wird?
Nein. Die wird vermutlich erst nach den Aufführungen geäußert. Wir versuchen aber in allem was wir tun, so viele Zuschauer wie möglich anzusprechen. Bei Ödipedia wird jeder, der noch nie von Web 2.0 gehört hat, die Aufführung genauso genießen können, wie ein Experte auf dem Gebiet. Wir machen möglichst viele Angebote an die Zuschauer, jeder darf sich davon nehmen, was ihr oder ihm gefällt. Wir haben diesmal einen etwas leichter verständlichen Text, als bei unserer ersten Inszenierung, wir haben auch weniger Ablenkung, da nicht während der Aufführung gechattet wird – dafür passieren andere überraschende Dinge…

Was mir ganz besonders wichtig ist: Wenn jemandem eine Aufführung nicht gefällt, ist das niemals die Schuld des Zuschauers! Niemand sollte sich vorwerfen „Ich bin einfach zu dumm für das Stück“, wie das bei unserer letzten Inszenierung eine Person zu mir gesagt hat. Man muss sich von der Vorstellung lösen, Theater nur genießen zu können, wenn man alle klitzekleinen Elemente, die es ausmacht, alle Anspielungen und Metaphern aufgesaugt, wahrgenommen und verstanden hat. Erstens funktioniert das sowieso nicht, dafür passiert auf der Bühne viel zu viel, dafür hat der Text zu viele Dimensionen, zweitens ist es für den Genuss der Inszenierung überhaupt nicht notwendig. Ödipedia ist so konstruiert, dass z. B. auch jemand der kein Wort deutsch spricht daran Spaß haben kann.
Natürlich muss man als Zuschauer eines mitbringen: Eine aufnehmende, statt einer ablehnenden Haltung. Wer sagt „Theater interessiert mich sowieso nicht und das ist ja nur eine Laiengruppe, aber ich schau es mir halt mal an, auch wenn ich heute eigentlich viel zu müde bin und meine Füße schmerzen.“, der wird wahrscheinlich auch kritisieren, dass Ödipedia zu „modern“ oder zu langweilig, oder zu schnell oder zu langsam oder zu sonstwas ist.

Vatermord und Inzest sind nicht unbedingt Kavaliersdelikte. Was macht die Geschichte des Ödipus auch heute noch so interessant und aktuell?
Schön, dass du nach Vatermord und nicht nur nach Mord fragst. Warum ist der Vatermord eigentlich so viel schlimmer als der Mord an einem Fremden? Zumindest in Ödipedia ist er das, Ödipus hat keinerlei Schuldgefühle, so lange er glaubt, einen Fremden erschlagen zu haben, er trauert auch nicht, als Polybos stirbt, den er für seinen Vater hält. Aber sobald er erfährt, dass er seinen leiblichen Vater Laios umgebracht hat, verzweifelt er völlig. Dabei war Laios ein mieser Vater. Er hat Ödipus Füße verstümmeln lassen und wollte dann, dass man Ödipus töte. Ich denke, es ist wichtig, die Absurdität des ganzen aufzuzeigen, um vielleicht einen Konsens entwickeln zu können, in dem wir sagen, dass Blutsverwandtschaft nicht entscheidend dafür sein darf, was moralisch und was unmoralisch ist. Ich sehe das beim Inzest ähnlich: Wenn Verwandte ihre Liebe zueinander auf einer körperlichen Ebene zeigen wollen, sollen sie doch.  Ist zwar nicht mein Ding, aber jedem so wie er mag. Heutzutage kann man schließlich verhüten, womit das Hauptargument dagegen entkräftet ist – wer etwas anderes behauptet müsste sich auch gegen sexuelle Kontakte zwischen Personen mit erblichen Behinderungen aussprechen.
Ganz anders sieht es natürlich damit aus, dass sexuelle Kontakte zwischen Blutsverwandten leider meist erzwungen werden – wie im Fall Fritzl. Diese halte ich – wie alle Vergewaltigungen – für das schlimmste Verbrechen, dass ein Mensch begehen kann, für etwas wodurch er zwar nicht immer direkt das Leben eines anderen nimmt, aber es indirekt völlig zerstören kann. Doch das Problem muss meiner Meinung nach losgelöst von Verwandtschaft betrachtet werden, ebenso wie Mord losgelöst vom Vater betrachtet werden muss.
In der Antike drehen sich übrigens sehr viele Stücke um Vater- oder Muttermord, zum Beispiel die Orestie, schlicht und einfach weil es die verwerflichste Handlung darstellte, die man sich damals ausdenken konnte. Sophokles hat mit der Kombination aus Vatermord und Inzest mit der Mutter in einem Stück neue Maßstäbe gesetzt. Die Psychonanalyse hat das Thema ja ebenso erschöpfend durchgekaut, wie die Literaturwissenschaft. Ich muss sagen, es ist für unsere Inszenierung nicht unbedingt der wichtigste Aspekt, es geht bei uns mehr um Wissen, um Identität, um Fragen und Antworten. Faszinierende an Ödipedia ist allerdings, dass die Götter Ödipus am Schluß trotz allem was er getan hat – Vatermord, Inzest, Überheblichkeit gegenüber Göttern und Mitmenschen, Verfluchen der eigenen Söhne – für heilig erklären. Nicht nur für „entschuldigt“ oder für „so schlimm war es gar nicht“, sondern für heilig, in unserem Text heißt es sogar für „einen von ihnen“. Er bekommt sogar einen Altar. Warum das geschieht, da soll sich jeder Zuschauer selbst einen Reim drauf machen, das will ich nicht verraten.

Das Stück beinhaltet sowohl die Interaktivität zwischen Darstellern und Saal-Publikum als auch die Möglichkeit der Interaktivität für Nutzer und Besucher der Homepage. Wie unterscheiden sich anwesendes und virtuelles Publikum in Deinen Augen?
Die Schnittmenge zwischen anwesendem und virtuellem Publikum ist wahrscheinlich sehr klein, da sich an der Textentwicklung alle möglichen deutschschreibenden Menschen und sogar ein schwedisch Schreibender beteiligt haben, während in das Kulturhaus Spandau im April bis auf wenige Ausnahmen aus Süddeutschland und Österreich, von denen ich weiß, vermutlich fast nur Berliner Publikum kommen wird. Ich schätze dass das anwesende Publikum oft auch wegen der Ödipusgeschichte kommt, oder einfach, weil man mal wieder ins Theater will – und das viele vorher gar nicht wissen, wie unser Text entstand, oder dass wir interaktive Elemente einbringen, die übrigens „freiwillig“ sind, d. h. niemand mitmachen muss.
Für das virtuelle Publikum war sicher oft der Gedanke „Kann ich da WIRKLICH alles reinschreiben, oder löschen die meinen schwulen Drachen jetzt?“ entscheidender, als der, dass man sich das alles ein halbes Jahr später auf der Bühne ansehen kann, wenn man will.
Aber ich kenne auch ein paar Leute, die mir gesagt haben, sie haben ein paar Sätze in den Text geschrieben und kommen jetzt ganz bewusst, um zu sehen, wie wir die umsetzen.
Auch wegen dieser Diskrepanz verzichten wir diesmal auf den Einsatz von Chats oder komplizierter Technik während der Aufführungen. Sowas passt meiner Meinung nach nicht so gut nach Spandau, in einen Theatersaal mit edlen roten Sesseln, sondern sowas muss in einen leeren schwarzen Raum, oder auch auf den Linux-Tag, wo wir letztes Jahr mit „Antigone 2.0“ eingeladen waren, zu internetaffinen oder zumindest jungen Leuten.
Vor einiger Zeit rief mich übrigens eine Journalistin an und sagte, was wir machen, das sei alles gar nicht interaktiv, ich bin natürlich überzeugt, dass es das durchaus ist, da gibt es also auch unterschiedliche Meinungen zu.

Abschließend besteht auch für Dich die Möglichkeit, unseren Lesern Deine Weisheiten mitzuteilen.
Wie wir seit Yael Ronans Inszenierung „Die dritte Generation“ wissen, müssen wir Deutschen uns immer erstmal entschuldigen. Also entschuldige ich mich zunächst dafür, dass das Interview so lang geworden ist und hoffe, dass es zumindest interessant zu lesen war. Nach der Entschuldigung die Einladung: Ich lade alle Leser ganz herzlich ein, am 17. / 18. / 19. / 24. / 25. / 26. oder 27.04.2009 (jeweils 20 Uhr) ins Kulturhaus Spandau, Berlin zu kommen, um live zu sehen, worüber ich mich hier so theoretisch ausgelassen habe. Karten gibt es bei www.kulturhaus-spandau.de weitere Informationen bei www.antigone20.de oder ödipedia.de

Nach der Entschuldigung und der Einladung nun das Ende, um der lieben Alliteration Willen. Meistens drücke ich mich lieber mit den Weisheiten anderer aus. Mit Sophokles zum Beispiel. Diesmal würde ich gern mit Heidegger abschließen:
“Die Grenzen der Sprache, sind die Grenzen der Welt.”

Lieber Benedict, ich danke Dir für dieses ausführliche Interview.
Links:

www.antigone20.de

ödipedia.de

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