Archive for the ‘Kultur’ Category

millus.kulando.de

Mittwoch, Mai 6th, 2009

Hallo Miguel, ich heiße Dich herzlich Willkommen im schönen Bloggersdorf. Da Du das erste Mal zu Besuch bist, stell doch bitte den Dorfbewohnern zunächst einmal Deinen Blog millus.kulando.de vor.
Meinen Millus Blog gibt es schon einige Jahre und wird auf einer kostenlosen Blogplattform gehostet. Ich schreibe über die Themen, die mich persönlich interessieren, doch in den letzten Jahren hat der Blog einen Schwerpunkt in den Themen „Blog optimieren“ und „Filmtrailer“. Zwei Themen, die mir sehr am Herzen liegen.

Du scheinst mit Deinem millus.kulando.de sehr aktiv zu sein. Wie viele Leser erreichst Du denn mittlerweile durchschnittlich mit Deinem Blog?
Der Durchschnitt liegt im Moment bei 3000 Unique Visitors am Tag. Aber es gibt Tage, da sind über 6000 Leute auf Millus. Im Monat sind es 100 000 Unique Visitors. Letzten Monat habe ich die 1 Million Marke überschritten. Vor 3 Jahren hatte ich ca. 100 Besucher pro Tag. Es lohnt sich also Geduld zu haben und fleißig am eigenen Blog zu arbeiten.

Wenn Du nicht gerade Posts veröffentlichst, verbringst Du Deine Zeit mit dem Zeichnen von Illustrationen sowie Comics und hast an hast in diesen Bereichen schon einiges vorzuweisen. Vielleicht kannst Du unseren Lesern einen kurzen Einblick in Deine tägliche Deine Arbeit vermitteln?
In erster Linie arbeite ich als Illustrator und Autor. Ich produziere Comics und Illustrationen, Logos und Weblayouts. Z.B. habe ich für SPICKMICH Logos und Illustrationen gemacht, für RTL und ENDEMOL Designs gemacht und Musikvideos wie z.B. für Sabrina Setlur realisiert. Nebenbei arbeite ich auch als Berater für Print und Webprojekte. Ich habe mit 15 Jahren angefangen kreativ zu sein und Geschäfte zu machen. Erfahrung hat sich angesammelt, die jetzt oft gefragt ist. Mein Tag ist sehr routiniert, ich stehe gegen 10 auf, checke meine Emails und betätige Telefongespräche, blogge meistens einen oder zwei Beiträge, danach gehe ich Sport machen. Mittagessen folgt, dann geht es wieder an den Rechner oder ans Zeichnen. Bis spät Abends. Abendbrot, wieder Sport und wieder Rechnerarbeit bis es so gegen 2 Uhr ist. Dann schaue ich einen Film oder schlafe direkt ein.
Die Thematik Deiner Beiträge hat mir bei der Recherche sehr zugesagt. Du scheinst ein ebenso großer Filmfan zu sein wie ich, daher würde ich dieses Thema gern vertiefen. Welches Genre sagt Dir denn am meisten zu?
Wahrscheinlich werden sich viele wundern, aber ich liebe gute Dramen und Liebesfilme. Filme, die mein Herz berühren und mich zum Weinen bringen. Wenn mich ein Film zum Weinen bringt, dann ist das mein Qualitätsurteil. Ich bin großer Brad Pitt und Vin Diesel Fan, PITCH BLACK und LEGENDEN DER LEIDENSCHAFT habe ich mir schon unzählige Male angesehen.
Welchen Film sollte man momentan unbedingt im Kino gucken und warum?
Ich bin nicht so der Kinogänger. Aber ich denke Blockbuster wie WOLVERINE, TRANSFORMERS oder Animationsfilme wie MONSTERS vs. ALIENS kommen im Kino viel besser. Ich habe letztens CHANGELING mit Angelina Jolie in der Hauptrolle gesehen. Hat mir sehr gut gefallen und es lohnt sich diesen Film im Kino zu sehen. Morgen gehe ich WOLVERINE im Kino sehen, bin gespannt was mich erwartet, denn als Comiczeichner/Leser und Filmfan bin ich absoluter Wolverine Fan…

Du hast kürzlich Andrew Keens Buch „Die Stunde der Stümper“ vorgestellt. Keen geht in seiner ironischen Art durchaus kritisch mit der Entwicklung des web 2.0 und der Entwicklung des Bloggens bezüglich Kulturverlust um. Wie stehst Du zu diesem Thema?
Wir leben in einer Welt, wo sich alle Kulturen vermischen. Das Internet, das Bloggen und das Web ist ein Medium und eine Kommunikationsform. Wir benutzen sie, wie ein Telefon oder einen Fernseher. Das Telefon hat das Leben verändert, aber keine Kultur zerstört. Mit technischen Entwicklungen und neuen Entdeckungen ändert  sich der Mensch. Es gibt immer negative oder positive Aspekte. Ein Werkzeug zu verdammen oder die Schuld für etwas zu geben ist leicht, aber es liegt am Ende beim Menschen selbst. Der Mensch, der User, trägt allein die Verantwortung für sein Handeln und Denken. Natürlich kann das Web 2.0 die Menschen in ihrem Denken und Handeln manipulieren. Ich sehe das Web 2.0 als eine neue Möglichkeit  und Umgebung an, um sich als Mensch, Geschäftsmann und Konsument zu entwickeln. Leider kontrollieren immer mehr Firmen das Internet und alles endet gerade in einer Geldmacherei.  Das Internet wird ein elektronisches Abbild der reellen Welt.  Das Bloggen wird auch immer mehr zum Geschäft und von Firmen jetzt benutzt, um Produkte zu vermarkten und zu verkaufen.  Blogs sind keine Tagebücher mehr, sie sind zu Werbeflächen und Marketinginstrumente geworden. Aber diese Entwicklung geschieht  in allen Bereichen der Welt. Im Sport, in der Kunst, in der Filmbranche und auch im Web 2.0.
Denkst Du, dass Blogs langfristig eine ernst zu nehmende Konkurrenz für die tagesaktuelle Presse werden?
Ich denke nicht. Private Blogs haben selten großes Kapital, um sich auszubreiten und um sich zu vermarkten. Und wenn ein privater Blog eine große Leserschaft erreicht, dann wird dieser Blog von irgendeiner Firma gekauft oder blockiert. Es gibt viele legale Wege die unabhängige Konkurrenz aus dem Weg zu räumen. Und viele Zeitungen und Medienhäuser werden ihre Monopolstellungen nicht aufgeben wollen. Und Blogger sind sehr käuflich.
Gibt es momentan Blogs, die Du unseren Nutzern empfehlen würdest?
Ich lese sehr gerne den Kanye West Blog und neue Blogs wie Bloxxo.de oder Blogjack.de besuche ich in letzter Zeit oft,  denn in diesen Blogs sehe ich eine starke Motivation der Blogger und es macht Spaß bei der Entwicklung dieser Blogs zuzusehen. Wenn Bloxxo so weitermacht, kann der junge Andy in paar Jahren der neue Robert Basic werden.  Bei Any any.pscht.com/blog lese ich immer mit. Und natürlich schaue ich regelmäßig bei Bloggersdorf vorbei.
Abschließende Worte Deinerseits?
Vor einigen Tagen habe ich meinen neuen Blog www.BLOGTIPPS.org gestartet und würde mich über Besucher und Feedback freuen.  Ich bedanke für die Interviewanfrage und wünsche jeden Leser und Blogger das Beste und viel Erfolg.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin alles Gute für Deinen Blog.

Link: millus.kulando.de

antigone20.de

Dienstag, April 14th, 2009

Am kommenden Freitag, den 17. April feiert die Theatergruppe des interaktiven Projektes “Antigone 2.0″ die Premiere des Stückes “Ödipedia” im Kulturhaus Spandau Berlin. Dieses in unseren Augen sehr interessante Projekt war uns natürlich ein ausführliches Interview wert, welches wir Euch hier präsentieren wollen.

Benedict, auch Dich begrüßen wir aus gegebenem Anlass schon zum zweiten Mal in unserem fröhlichen Dorf der Worte. Bitte erkläre für alle, die das erste Interview nicht gelesen haben noch einmal, worum es sich bei dem Projekt „Antigone 2.0“ handelt und wie dieses entstanden ist.
Antigone 2.0 ist eine freie Theatergruppe in Berlin. Wir wollen Theater machen, dass sich mit den Trends auseinandersetzt, die unsere heutige Generation erlebt. Das sind veränderte Arbeitsverhältnisse, anderer Umgang mit Wissen, aber vor allem das, was unter dem Begriff „Web 2.0“ verstanden wird: Die Bündelung von Inhalten der Theatermacher, mit denen der Zuschauer, die ständige Kommentierbarkeit einer Aufführung via Live-Chat, die Nutzung des Theaters als Plattform für Themen, die die Zuschauer interessieren – und nicht irgendwelche abgehobenen Künstler in einem Wolkenschloss, das sind alles Konzepte, die wir ausprobieren und „Theater 2.0“ nennen.
Die Gruppe wurde im Mai 2007 gegründet und besteht hauptsächlich aus Studenten (davon viele Theaterwissenschaftler), aber auch aus ein paar Profis, insbesondere im technischen Bereich. Wir haben mit der gleichnamigen Inszenierung „Antigone 2.0“ im November 2007 großen Erfolg gehabt. Wer im Publikum dazu Lust hatte, konnte während der Aufführungen live über diese chatten, der Chat wurde auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert.
Erkläre mir doch bitte Deine Funktion bei „Antigone 2.0“
Ich bin Gründer, Produzent und Regisseur bei Antigone 2.0. Als Gründer habe ich das Team zusammengestellt und das Konzept für die Gruppe und die Inszenierungen geschaffen. Als Produzent organisiere ich Aufführungs- und Probenräume, Sponsoren und die PR-Strategie. Als Regisseur lege ich das künstlerische Konzept jeder Inszenierung fest, bin natürlich bei allen Proben vor Ort und sage den Schauspielern, was sie tun, wie sie stehen und gehen, wie sprechen sollen. Ich lege die Requisiten und Kostüme fest, die wir verwenden und habe notfalls auch bei allen anderen künstlerischen Entscheidungen (Bühnenbild, Maske, Licht) das letzte Wort, auch wenn ich hier meine Teammitglieder möglichst frei arbeiten lassen will.

 Das Projekt verinnerlicht das Transparenz-Prinzip des web 2.0. Allgemein kann man sagen, dass dieses heute in fast allen Alltagssituationen präsent ist und diese beeinflusst. Wie denkst Du, wird sich dieser Einfluss in Zukunft auf das klassische Theater auswirken?
Das klassische Theater geht das Web 2.0 einseitig an, wie ich finde: Fast alle Theater haben eine Webseite, viele bloggen, manche twittern sogar. Auf den meisten Seiten lassen sich Kommentare hinterlassen. Das ist alles gut und richtig, hat aber mit Theater nichts zu tun, sondern mit Marketing. Wenn ein Theater das Web 2.0 produktiv nutzen will – und das muss es selbstverständlich nicht, sollte es aber, wenn es gesellschaftliche Relevanz haben will – müssen Web 2.0-Prinzipien vom Web auf die Bühne: Transparenz, Kommentarfunktion, gleichzeitige Ermöglichung von Anonymität oder Selbstentblößung, User Generated Content und am Besten alles davon kombiniert. Hier ein Beispiel für eine hypothetische Inszenierung, die sich das Label 2.0 anheften könnte – das wurde so nicht gemacht, die Idee ist mir gerade spontan gekommen.
„Der Maskenball 2.0“, frei nach Verdi: Die Zuschauer werden einzeln eingelassen und bekommen, wenn sie möchten beim Einlass eine Maske. Es gibt keine Sitzplätze, sondern man wird direkt auf die Bühne geführt. Dort werden die Zuschauer von Schauspielern in ein Gespräch verwickelt, je nach den Antworten beeinflusst das Ablauf und Handlung des Stücks. Das ganze wird live auf einer Internetseite übertragen. Die Zuschauer dort können den Schauspielern auf der Bühne, wenn sie mögen SMS-Nachrichten schicken oder sogar anrufen – denn wer braucht heutzutage noch Wahrsagerinnen und Boten? Auch diese Kommunikationsebene beeinflusst Ablauf und Handlung des Stücks. Alles darf passieren, nichts muss, jeder kann jederzeit aussteigen. Zum User Generated Content kommt der „redaktionelle“ Content von Regisseur und Schauspielern, beides mischt sich und wird zu einer neuen, tollen Sache.
Die Idee ist schon ziemlich 2.0, ohne irgendeine besonders neue oder ausgefallene Technik einzusetzen. Da wir aber alle total auf Technik stehen, wird sich das Theater vielleicht nach und nach zu Theater mit Twitterwalls entwickeln. Die Zuschauer lassen ihre Handys an und kommentieren live das Bühnengeschehen. Auch hier können interessierte Personen „von außen“, die es leider nicht zum Theaterabend schaffen die Kommentare live mitlesen und können selbst drauf antworten, z. B. sowas wie „@opernfreak: Naja, würde mir glaube ich nicht gefallen, stehe mehr auf moderne Kostüme“
Ich behaupte mal ganz dreist, dass auf dem Gebiet – zumindest im deutschsprachigen Raum, unsere Gruppe der Pionier ist. Aus verschiedenen akustischen Gründen haben wir bei unserer ersten Inszenierung „Antigone 2.0“, nach der die Gruppe benannt ist, statt Handys Notebooks verwendet, über die man chatten konnte. Das Konzept – und unsere spezielle Chatsoftware für Theater – wird nun auch von der Thomas Mann Oberschule für die Inszenierung „die Beamerbrooks“ eingesetzt.
Wichtig ist mir aber zu betonen, dass alle Web 2.0-Elemente, die man einsetzt, auch zum Stück passen müssen. Genauso wie alle Kostüme, die man einsetzt, zum Stück passen müssen. Oder, wenn es das Konzept will, dass eben nichts zusammenpasst, so muss auch das in sich schlüssig sein.

Inwiefern beeinflusst das Internet im Allgemeinen inzwischen deinen Alltag?
Sehr. Morgens nehme ich meinen ersten Kaffee vorm Computer zu mir. Dann werden erstmal E-Mails gelesen und beantwortet. Ich bin ein Mensch, der gern so viel wie möglich schriftlich hat, fast alle mündlichen Absprachen in der Gruppe werden nochmal per Mail bestätigt. Die Kommunikation läuft generell mehr über Mail als z. B. telefonisch ab.
Unser aktueller Probenplan steht online unter ödipedia.de – Probenplan, genauso unsere Requisitenliste und der Text der Inszenierung. Ich merke mir von keiner einzigen Probe mehr die Uhrzeiten, sondern schaue immer vorher im Internet nach. Dadurch verkümmert mein Hirn vielleicht, ich weiß es nicht, aber andererseits kann ich mich auf das Wesentliche, auf die künstlerischen Aspekte konzentrieren. Die Verwendung des Wikis auch für die Planung von Ödipedia war eine geniale Idee. Als Theatergruppe arbeitet man immer in gewissem Maße kollaborativ und das Wiki ist ideal dafür. Natürlich braucht man auch weniger Papier.

Über alle Aufführungen, Proben, Neuigkeiten, Sponsoren, interessante Veranstaltungshinweise, über unsere Parties usw. usf. wird auf dem Blog der Gruppe www.antigone20.de geschrieben. Jedes Teammitglied hat einen Account, aber wie viel man schreibt ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich schreibe relativ viel und alles, was zu kurz für einen Blogeintrag ist, oder zu banal, wird getwittert.
Angebote zum Beispiel für T-Shirt-Druck, hole ich übers Internet ein. Bei teureren Dingen wird noch postalisch gearbeitet, die Angefragten bekommen einen Flyer und einen Button dazu und eine Unterschrift mit blauer Tinte, ich habe das Gefühl, dass das trotz allem noch mehr Wertschätzung des Geschäftspartners ausdrückt (den wir in aller Regel um Spenden oder günstige Bühnenbildmaterialien anbetteln), als jede noch so höfliche E-Mail.
Und während ich natürlich auch offline genug Hobbies habe, nutze ich das Internet auch zwischendurch zur Entspannung. Ein gewaltiges Problem ist, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen. Würde ich an einem Fließband, in einer Küche, oder auf dem Bau arbeiten, dann würde ich da Stunde um Stunde konzentriert meiner Arbeit nachgehen können, weil es außer dem Gespräch mit Kollegen nicht viel Ablenkungsmöglichkeiten gibt. Wenn ich dagegen online zu planen, zu bloggen, zu recherchieren und zu kommunizieren habe, um die Inszenierung voranzubringen, lauern überall hinterlistige Links, bösartige Berufsblogger, gemeingefährliche Onlinespiele oder vampirähnliche Nachrichtenportale, die meine Lebenszeit aussaugen wollen. Für mich persönlich habe ich festgestellt, dass besser ist, keine kurzen Pausen nach jeder Aufgabe mehr zu machen, auch wenn das vielleicht der ein oder andere Ratgeber empfiehlt, sondern stattdessen mehrere Stunden durchzuarbeiten und sich zu sagen, Punkt 14 Uhr mache ich eineinhalb Stunden Pause.
Den gleichen Ansatz verfolge ich übrigens nicht nur Online, sondern auch bei den Proben. Nach zweieinhalb Stunden Arbeit gibt’s da zehn Minuten Pause, dann wieder zweieinhalb Stunden Arbeit.

Das Internet macht sich auch ständig bemerkbar, wenn es weg ist. Durch Zufall ist es heute ausgefallen, als ich die Antworten für das Interview formuliert habe und verzweifelt versuchte ich mich an einzelne Daten zu erinnern, die ich sonst innerhalb von Sekunden gegoogelt oder auf unserer Seite nachgeschlagen hätte. Was manche Leute irritiert: Ich tippe während des Telefonierens. Ich google live nach dem Gesprächsthema. Meistens, wenn mein Gegenüber mich fragt „Hast du schon von der neuen Inszenierung von … gehört?“, oder „Kannst du mir sagen, wo ich 100 Moonboots herkriege?“ (Theaterleute haben absurde Bedürfnisse) Und das schlimmste ist, ich tippe nicht mal unauffällig, sondern sehr laut, um dann zu antworten „Klar hab ich davon gehört, da spielt doch … mit.“ Üble Sache, dieses Internet, ganz üble Sache…

Ab dem 17. April werdet Ihr im Kulturhaus Spandau Euer neues Stück “Ödipedia – Auf der Suche nach” inszenieren. Der Titel hört sich stark nach „griechische Mythologie trifft neue Medien“ an. Worum geht es inhaltlich?
Inhaltlich geht es darum, dass griechische Mythologie neue Medien trifft. Spaß beiseite: Ödipedia setzt sich aus den Worten Ödipus und Wikipedia zusammen. Wir bringen das gesamte Leben des Ödipus auf die Bühne, also nicht nur das bekannte Drama „König Ödipus“, sondern auch seine Erlebnisse auf Kolonos und ein Stück Vorgeschichte. Der Text der Inszenierung ist nach dem Wikiprinzip entstanden. Vier Monate lang hatte wirklich jeder die Möglichkeit den Text auf ödipedia.de zu bearbeiten und zu ergänzen. Eine Reihe neue Rollen kam hinzu: Ein stummer Drache, ein sprechendes Fahrrad. Der weise Seher heißt auf einmal Fred. Der Königsstuhl ist ein weinrotes Sofa mit Alcantarabezug. Es gibt eine neue Szene, die Lokastes Motive in dem Stück ausführlich erklärt – das gab es in den Originalstücken von Sophokles so nicht. Wir wussten zu Beginn nicht, ob Leute lieber vorhandenen Text leicht umarbeiten, oder ob sie sich lieber austoben und Szenen ganz neu schreiben. Daher haben wir den Text in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil wurde ein Urtext, entwickelt von meiner Dramaturgin und mir und basierend auf „König Ödipus“ von Sophokles eingestellt, der dann erweitert und bearbeitet werden konnte. Im zweiten Teil haben wir nur hingeschrieben, worum es grob gehen solle. Beide Teile sind völlig unterschiedlich. Die Personen, die den zweiten Teil gestaltet haben, haben sich kurz gefasst, vielleicht so, wie sie es von der Wikipedia gewöhnt sind: Keine langen Chorlieder, keine ausschweifenden Metaphern, sondern punktgenau zum Ziel. Im Original hatte König Theseus in diesem Stück eine textlich sehr große Rolle. Bei uns bleibt seine Figur interessanterweise genauso wichtig, er sagt aber nur noch vielleicht zehn Sätze.

Jetzt fragt man sich natürlich, warum wir mit dieser Theater&Wiki-Idee gerade Ödipus inszenieren. Der Grund ist, dass Ödipus sein Wissen um seine Identität aus vielen verschiedenen Quellen zusammensetzt. Manchen ist zu trauen, anderen nicht. Manche wissen mehr, andere weniger. Manche lügen bewusst, teils um einen Vorteil für sich selbst zu erzielen, teils um einen Scherz zu machen. Das alles entspricht dem, wie sich in unserer heutigen Wissensgesellschaft unsere Information zusammensetzen. Sie sind fragmentiert, wie Ödipus Identität fragmentiert ist.

Gab es bis jetzt Kritik daran, dass Ödipus von Euch so „modern“ dargestellt wird?
Nein. Die wird vermutlich erst nach den Aufführungen geäußert. Wir versuchen aber in allem was wir tun, so viele Zuschauer wie möglich anzusprechen. Bei Ödipedia wird jeder, der noch nie von Web 2.0 gehört hat, die Aufführung genauso genießen können, wie ein Experte auf dem Gebiet. Wir machen möglichst viele Angebote an die Zuschauer, jeder darf sich davon nehmen, was ihr oder ihm gefällt. Wir haben diesmal einen etwas leichter verständlichen Text, als bei unserer ersten Inszenierung, wir haben auch weniger Ablenkung, da nicht während der Aufführung gechattet wird – dafür passieren andere überraschende Dinge…

Was mir ganz besonders wichtig ist: Wenn jemandem eine Aufführung nicht gefällt, ist das niemals die Schuld des Zuschauers! Niemand sollte sich vorwerfen „Ich bin einfach zu dumm für das Stück“, wie das bei unserer letzten Inszenierung eine Person zu mir gesagt hat. Man muss sich von der Vorstellung lösen, Theater nur genießen zu können, wenn man alle klitzekleinen Elemente, die es ausmacht, alle Anspielungen und Metaphern aufgesaugt, wahrgenommen und verstanden hat. Erstens funktioniert das sowieso nicht, dafür passiert auf der Bühne viel zu viel, dafür hat der Text zu viele Dimensionen, zweitens ist es für den Genuss der Inszenierung überhaupt nicht notwendig. Ödipedia ist so konstruiert, dass z. B. auch jemand der kein Wort deutsch spricht daran Spaß haben kann.
Natürlich muss man als Zuschauer eines mitbringen: Eine aufnehmende, statt einer ablehnenden Haltung. Wer sagt „Theater interessiert mich sowieso nicht und das ist ja nur eine Laiengruppe, aber ich schau es mir halt mal an, auch wenn ich heute eigentlich viel zu müde bin und meine Füße schmerzen.“, der wird wahrscheinlich auch kritisieren, dass Ödipedia zu „modern“ oder zu langweilig, oder zu schnell oder zu langsam oder zu sonstwas ist.

Vatermord und Inzest sind nicht unbedingt Kavaliersdelikte. Was macht die Geschichte des Ödipus auch heute noch so interessant und aktuell?
Schön, dass du nach Vatermord und nicht nur nach Mord fragst. Warum ist der Vatermord eigentlich so viel schlimmer als der Mord an einem Fremden? Zumindest in Ödipedia ist er das, Ödipus hat keinerlei Schuldgefühle, so lange er glaubt, einen Fremden erschlagen zu haben, er trauert auch nicht, als Polybos stirbt, den er für seinen Vater hält. Aber sobald er erfährt, dass er seinen leiblichen Vater Laios umgebracht hat, verzweifelt er völlig. Dabei war Laios ein mieser Vater. Er hat Ödipus Füße verstümmeln lassen und wollte dann, dass man Ödipus töte. Ich denke, es ist wichtig, die Absurdität des ganzen aufzuzeigen, um vielleicht einen Konsens entwickeln zu können, in dem wir sagen, dass Blutsverwandtschaft nicht entscheidend dafür sein darf, was moralisch und was unmoralisch ist. Ich sehe das beim Inzest ähnlich: Wenn Verwandte ihre Liebe zueinander auf einer körperlichen Ebene zeigen wollen, sollen sie doch.  Ist zwar nicht mein Ding, aber jedem so wie er mag. Heutzutage kann man schließlich verhüten, womit das Hauptargument dagegen entkräftet ist – wer etwas anderes behauptet müsste sich auch gegen sexuelle Kontakte zwischen Personen mit erblichen Behinderungen aussprechen.
Ganz anders sieht es natürlich damit aus, dass sexuelle Kontakte zwischen Blutsverwandten leider meist erzwungen werden – wie im Fall Fritzl. Diese halte ich – wie alle Vergewaltigungen – für das schlimmste Verbrechen, dass ein Mensch begehen kann, für etwas wodurch er zwar nicht immer direkt das Leben eines anderen nimmt, aber es indirekt völlig zerstören kann. Doch das Problem muss meiner Meinung nach losgelöst von Verwandtschaft betrachtet werden, ebenso wie Mord losgelöst vom Vater betrachtet werden muss.
In der Antike drehen sich übrigens sehr viele Stücke um Vater- oder Muttermord, zum Beispiel die Orestie, schlicht und einfach weil es die verwerflichste Handlung darstellte, die man sich damals ausdenken konnte. Sophokles hat mit der Kombination aus Vatermord und Inzest mit der Mutter in einem Stück neue Maßstäbe gesetzt. Die Psychonanalyse hat das Thema ja ebenso erschöpfend durchgekaut, wie die Literaturwissenschaft. Ich muss sagen, es ist für unsere Inszenierung nicht unbedingt der wichtigste Aspekt, es geht bei uns mehr um Wissen, um Identität, um Fragen und Antworten. Faszinierende an Ödipedia ist allerdings, dass die Götter Ödipus am Schluß trotz allem was er getan hat – Vatermord, Inzest, Überheblichkeit gegenüber Göttern und Mitmenschen, Verfluchen der eigenen Söhne – für heilig erklären. Nicht nur für „entschuldigt“ oder für „so schlimm war es gar nicht“, sondern für heilig, in unserem Text heißt es sogar für „einen von ihnen“. Er bekommt sogar einen Altar. Warum das geschieht, da soll sich jeder Zuschauer selbst einen Reim drauf machen, das will ich nicht verraten.

Das Stück beinhaltet sowohl die Interaktivität zwischen Darstellern und Saal-Publikum als auch die Möglichkeit der Interaktivität für Nutzer und Besucher der Homepage. Wie unterscheiden sich anwesendes und virtuelles Publikum in Deinen Augen?
Die Schnittmenge zwischen anwesendem und virtuellem Publikum ist wahrscheinlich sehr klein, da sich an der Textentwicklung alle möglichen deutschschreibenden Menschen und sogar ein schwedisch Schreibender beteiligt haben, während in das Kulturhaus Spandau im April bis auf wenige Ausnahmen aus Süddeutschland und Österreich, von denen ich weiß, vermutlich fast nur Berliner Publikum kommen wird. Ich schätze dass das anwesende Publikum oft auch wegen der Ödipusgeschichte kommt, oder einfach, weil man mal wieder ins Theater will – und das viele vorher gar nicht wissen, wie unser Text entstand, oder dass wir interaktive Elemente einbringen, die übrigens „freiwillig“ sind, d. h. niemand mitmachen muss.
Für das virtuelle Publikum war sicher oft der Gedanke „Kann ich da WIRKLICH alles reinschreiben, oder löschen die meinen schwulen Drachen jetzt?“ entscheidender, als der, dass man sich das alles ein halbes Jahr später auf der Bühne ansehen kann, wenn man will.
Aber ich kenne auch ein paar Leute, die mir gesagt haben, sie haben ein paar Sätze in den Text geschrieben und kommen jetzt ganz bewusst, um zu sehen, wie wir die umsetzen.
Auch wegen dieser Diskrepanz verzichten wir diesmal auf den Einsatz von Chats oder komplizierter Technik während der Aufführungen. Sowas passt meiner Meinung nach nicht so gut nach Spandau, in einen Theatersaal mit edlen roten Sesseln, sondern sowas muss in einen leeren schwarzen Raum, oder auch auf den Linux-Tag, wo wir letztes Jahr mit „Antigone 2.0“ eingeladen waren, zu internetaffinen oder zumindest jungen Leuten.
Vor einiger Zeit rief mich übrigens eine Journalistin an und sagte, was wir machen, das sei alles gar nicht interaktiv, ich bin natürlich überzeugt, dass es das durchaus ist, da gibt es also auch unterschiedliche Meinungen zu.

Abschließend besteht auch für Dich die Möglichkeit, unseren Lesern Deine Weisheiten mitzuteilen.
Wie wir seit Yael Ronans Inszenierung „Die dritte Generation“ wissen, müssen wir Deutschen uns immer erstmal entschuldigen. Also entschuldige ich mich zunächst dafür, dass das Interview so lang geworden ist und hoffe, dass es zumindest interessant zu lesen war. Nach der Entschuldigung die Einladung: Ich lade alle Leser ganz herzlich ein, am 17. / 18. / 19. / 24. / 25. / 26. oder 27.04.2009 (jeweils 20 Uhr) ins Kulturhaus Spandau, Berlin zu kommen, um live zu sehen, worüber ich mich hier so theoretisch ausgelassen habe. Karten gibt es bei www.kulturhaus-spandau.de weitere Informationen bei www.antigone20.de oder ödipedia.de

Nach der Entschuldigung und der Einladung nun das Ende, um der lieben Alliteration Willen. Meistens drücke ich mich lieber mit den Weisheiten anderer aus. Mit Sophokles zum Beispiel. Diesmal würde ich gern mit Heidegger abschließen:
“Die Grenzen der Sprache, sind die Grenzen der Welt.”

Lieber Benedict, ich danke Dir für dieses ausführliche Interview.
Links:

www.antigone20.de

ödipedia.de

Neon|Wilderness – just4ikarus.wordpress.com

Freitag, März 27th, 2009

Moin Dominik und willkommen zurück im Bloggersdorf. Es gab bei uns bereits vor ungefähr einem Jahr ein Interview mit Dir. Was hat sich bei Dir und Deinem Blog seit dem getan?
Hallihallo! Es freut mich, dass ich noch einmal die Möglichkeit habe, über meinen Blog zu berichten. Seit dem letzten Jahr erlebte Neon|Wilderness so einige Höhepunkte. Mit dem Projekt „Wohlfühlgewicht 2.0“ kamen Besucherwellen auf meinen Blog, die ich kaum erwartet hatte. Außerdem versuchte ich so einige Male mit Podcasts zu punkten. Aber natürlich wird auch jetzt noch so einiges folgen.

Du scheinst sehr aktiv zu sein, was das „online-texten“ betrifft. Wie viele Leser erreichst Du momentan mit deinem Blog Neon|Wilderness durchschnittlich?
Laut meiner internen Statistik scheine ich in den letzten Monaten durchschnittlich rund 180 Menschen täglich zu erreichen.

Im letzten Interview hast Du über Deine Buchveröffentlichungen berichtet. Wie steht es darum und welche weiteren Projekte betreibst Du derzeit?
Die Buchprojekte sind zurzeit etwas ins Stocken geraten (und deswegen kann von Veröffentlichungen keine Rede sein). Mein Hauptbuchprojekt „Volle Distanz. Näher zu dir“ wird immer wieder neu angefangen und schließlich wieder aufgegeben. Aber da mir der Plot so wundervoll erscheint, werde ich es wohl noch einige Male versuchen um endlich den richtigen Schwung erlangen. Auf Blogebene betreibe ich nun auf einem eigenen Blog (in minimierter Ausführung) das Projekt Wohlfühlgewicht 2.0 weiter. Außerdem schreibe ich auch über Politik, Medien und das Web 2.0 auf POLILOG. Und glücklicherweise habe ich auch die Möglichkeit bei WalJournal, einem Blog zu den Wahlen in Österreich, mitzuarbeiten. Und da gibt es noch ein weiteres Projekt, welches erst in Kürze startet, an dem ich mitarbeiten kann. Mehr Infos kann ich dazu aber leider noch nicht geben. Und außerdem brainstorme ich nun schon seit einiger Zeit, um ein Projekt aufzubringen, welches es schafft, das Web 2.0 mit dem wirklichen Leben mehr und mehr zu verbinden. Aber auch hier ist noch nichts spruchreif.

Die Debatte, ob die verstärkte Internetnutzung zwischenmenschliche Beziehungen und Emotionen abstumpfen lässt wird regelmäßig aufgewärmt. Nun sind aber Deine Texte oft sehr emotional ansprechend und gefühlvoll. Wie stehst Du persönlich zu dem Vorwurf der Verrohung durch Online-Inhalte?
Ich selbst kann diesem Vorwurf nur sehr wenig abgewinnen. Natürlich darf man neben dem Leben bzw. der „Arbeit“ im Internet auf gar keinen Fall das Leben 1.0 aus den Augen verlieren. Gerade diese Begegnungen in der echten Welt lassen Gefühle und Emotionen entstehen und das ist auch der Grund, warum ich sie in Worte packen kann. Also: Es geht vor allem ums Erleben. Das Erzählen sollte nicht das Hauptaugenmerk sein.

Du betreibst ebenfalls einen englischsprachigen Blog mit dem Namen „Eternal Sunshine of a spotless mind“. Wie kam es dazu?
Dieser Blog entstand eigentlich vor allem aus reiner Langeweile. Während des Zivildienstes, die Schule lag wenige Monate zurück, wollte ich weiter die englische Sprache regelmäßig praktizieren, um nicht viel zu schnell so manches zu verlernen. Anfangs war er vom Aufbau sehr ähnlich zur deutschsprachigen Neon|Wilderness: Berichte aus meinem Leben, und manchmal auch literarische Texte. Zurzeit, aufgrund all meiner anderen Projekte, entwickelt sich der englischsprachige Blog aber mehr in Richtung eines Sammelpunktes: interessante Videos, Bilder oder Links werden hier veröffentlicht. Aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich nie wieder in englischsprachigen Texten üben werde.

Ich tippe, die Namensgebung orientiert sich an dem in meinen Augen großartigen gleichnamigen Film von Michel Gondry. Gondry inszeniert in seinen Werken immer wieder wie selbstverständlich kindlich verspielte Tagträume und Fantasien, die ich mit dem simplen Wort „schön“ beschreiben würde. Würdest Du dich als ähnlich poetisch und philosophisch bezeichnen?
Du hast vollkommen Recht. Wie auch schon bei meinem deutschsprachigen Blog (Neon Wilderness ist ein Song von The Verve) habe ich mich beim Namen von einem Stück Kunst inspirieren lassen. Interessant ist hierbei natürlich, dass sich Gondry bei der Titelsuche zu seinem Film auf ein gleichnamiges Gedicht von Alexander Pope gestützt hat. Zur eigentlichen Frage: In einem Beitrag vom Februar 2008 schrieb ich eher zum Spaß diese Worte. „Was ich werden will? Einer der größten Denker des 21. Jahrhunderts.“ Das mag jetzt möglicherweise etwas überheblich klingen. Aber können Träume nicht auch mal utopisch sein (bzw. sind sie das nicht alle)? Eben.Viele Kommentare auf meinem Blog zeigen mir, dass meine Texte zum Teil berühren, zu Tränen, zu einem Lachen. Manche Menschen bekommen eine Gänsehaut. Und viele Texte regen meine Leser auch zum Nachdenken an. Also ja: Ich sehe mich als poetisch und philosophisch. Aber sind wir das nicht alle in einem gewissen Stadium unseres Lebens?
Greifen wir das oben genannte Wort noch einmal auf. Was ist für dich „schön“ ?
Schön? Für mich persönlich ist so vieles schön: Die Sonne, wenn sie sich zum ersten Mal nach einem eher grauen Winter durch die Wolkendecke wagt; eine Umarmung, ein Kuss, eine Zärtlichkeit. Das Lächeln. Und Augen. Berührende Texte, Filme, Bücher. Und natürlich Erinnerungen und Träume.

Wenn Du am Boden bist…
… bleibe ich am liebsten einfach liegen. Meistens verstärke ich dieses Gefühl auch noch mit passender melancholischer Musik. Aber irgendwann raffe ich mich auch wieder auf. Und schwebe dann meist auf einer Wolke unverständlichen Glücklichseins. So wie jetzt gerade.

“Someday I’ll pay the bills with all these words” – das Zitat Deiner Seite. Reicht die viele Textarbeit inzwischen für erste Rechnungen?
Dieses abgeänderte Zitat aus dem Song „Hey there Delilah“ von den Plain White T’s steht zugegebenermaßen noch nicht lange auf meinem Blog. Aber ja, irgendwann möchte ich mit meinen Worten Geld verdienen. Und überhaupt: mit meinen Talenten. Zurzeit verdiene ich rein gar nichts an meinen Projekten. Ich mache das aus reiner Freude am Schreiben und aus diesem tollen Gefühl exhibitionistischer Selbstpublikation. All meine bisherigen Projekte, ob Neon|Wilderness oder POLILOG sollen auch weiterhin keinen kommerziellen Hintergrund haben.
Aber trotz allem benutze ich meinen Blogs als Spielwiese. In meinem Abschlussjahr nannte ich als Berufswünsche drei Dinge: Journalist, Schriftsteller und Schauspieler (man träumt ja sonst von nichts). POLILOG ist mein Testfeld auf dem Weg in den Journalismus, Neon|Wilderness geht da schon mehr in Richtung Schriftsteller. Und auch wenn meine Ausbildung zurzeit viel zu sehr in Richtung Journalismus geht, soll in den nächsten Jahren auch nicht die Schauspielerei vollkommen untergehen. Man darf also gespannt sein.

Abschließend hast auch Du natürlich noch die Möglichkeit Blogempfehlungen, persönliche Weisheiten oder sonstiges loszuwerden:
Blogempfehlungen? Spontan fällt mir da der Blog Alternativen ein. Jedes Mal wieder bin ich fasziniert, wie hier mit den Worten gespielt wird. Einer der wenigen Blogs, der mich selbst sehr oft rührt. Ob ich nun lache, oder beinahe weine, das ist egal.
Persönliche Weisheiten? Puh, ich bin leider kein About-me-Text mit einer Sammlung ausgelutschter Lebensmottos. Viel mehr kann ich nur sagen, dass die drei wichtigsten Dinge im Leben die Familie, die Freunde und die Liebe sind. Und genau diese drei Dinge sollte man pflegen, denn sie bringen einen so viele Glücksgefühle.
Sonstiges? Ich kann nur jeden empfehlen, selbst zu bloggen. Zwar nennen viele Medien themenspezifische Blogs als die neue große Zukunft der Blogosphäre. Aber ich bin ein großer Verfechter der (meist kleineren aber nicht minder lesenswerten) persönlichen Blogs. Man sollte es zumindest versucht haben!

Lieber Dominik, ich danke Dir für das Interview und wünsch Dir weiterhin alles Gute und viel Erfolg für Deine tollen Projekte.
Auch ich danke dir. Wirklich interessante Fragen, die einen zum Nachdenken anregen. Und ich wünsche dem Bloggersdorf alles, alles Gute! Macht weiter so!

Link: just4ikarus.wordpress.com

antigone20.de/blog

Montag, Mai 5th, 2008

Hallo Benedict. Was ist Antigone?

Antigone ist zunächst ein antikes Drama von Sophokles aus dem Jahr 442 vor Christus.

Da ich viele der darin angesprochenen Probleme (Generationenkonflikt, Verhältnis Privat-Öffentlich, Spannung zwischen bedingungslosem Fortschritt und Tradition, usw.) für sehr heutig halte, entstand im Juni 2007 die Idee, eine zeitgemäße Inszenierung namens Antigone 2.0 zu entwickeln.

Eine der wichtigsten Fragen in Antigone lautet: “Wem gehört eine Leiche?” Diese sehr konkrete Fragestellung deutet natürlich auf einen abstrakteren Konflikt: In der Antike begann durch das Aufkommen der Demokratie das Private immer mehr ins Blickfeld des gesellschaftlichen Diskurses zu rücken. Bestattungen sind nur ein Beispiel von vielen, wo die familiäre, individuelle oder private Organisation (Männer heben das Grab aus, Frauen spenden die Totengaben) von einer staatlich-gesellschaftlichen abgelöst wird (staatliche Bestattungen von im Krieg gefallenen, Verbot Staatsfeinde zu bestatten, usw.). Teil dieses Konflikts zwischen dem Privaten und dem Gesellschaftlichen ist die Frage nach der anzuwendenden Rechtsform – Dike oder Nomoi. Das geschriebene staatliche Recht bietet erstmals eine verlässliche Rechtsgrundlage, Rechtssicherheit. Andererseits steht es oft im Widerspruch zum Naturrecht oder zur eigenen Moral/zum Gewissen. Wir sehen an unserem eigenen Rechtssystem, dass immer mehr Ausnahmeregelungen geschaffen werden müssen, um scheinbar faire Gesetzgebung gewährleisten zu können.

In unserer heutigen Internetgesellschaft des Web 2.0 ist ebenfalls ein Wandel festzustellen. Ehemals private Details werden Teil des gesellschaftlichen Diskurses – sei es durch soziale Netzwerke, die um den größtmöglichen Nutzen zu gewährleisten erfordern, dass möglichst viele private Details preisgegeben werden. Was wäre StudiVZ, ohne die Information, wo man studiert, welche Seminare man belegt, und ohne die Möglichkeit sich einer Gruppe anzuschließen? Sind die interessantesten Blogs nicht die, die tatsächliche Geschehnisse beinhalten und möglichst persönliche Details preisgeben?

Auf dieser gemeinsamen Basis – dem Überführen des Privaten in den gesellschaftlichen Diskurs, um damit ein besonders demokratisches System zu erreichen – sind Web 2.0 und Antigone ähnlich aufgebaut.

Ein Schlagwort des Web 2.0 ist user generated content, d. h. die Benutzer eines Systems steuern selbst seinen Inhalt bei. In Antigone 2.0 können Zuschauer per Chat user generated content beitragen. Sie bilden den antiken Chor und können das Geschehen auf der Bühne kommentieren, kritisieren oder ergänzen. Dadurch, dass nicht alle Zuschauer die Möglichkeit haben, mitzuchatten (die anderen können ihn auf der Leinwand per Beamer nachlesen) zeigen wir auch auf, dass an jedem angeblich “demokratischen” System nur eine Teilmenge von Personen teilnehmen kann. In der griechischen Polis waren beispielsweise Frauen ausgeschlossen, im Web 2.0 sind es Menschen ohne Internetzugang, im politischen System der Bundesrepublik Deutschland gibt es ebenfalls hinreichend bekannte Beschränkungen.

Antigone 2.0 ist allerdings neben dem Namen der Inszenierung auch gleichzeitig der Name der Theatergruppe.

Am “Linux-Tag” seid ihr auf der Messe wie ich auf euerem Blog festgestellt habe. Was müssen die Leser dazu wissen?

Zunächst wollen wir gleichzeitig den typischen LinuxTag-Besucher ansprechen, wie auch Personen, die nur für unser Stück zur Messe kommen und mit Linux gar nichts zu tun haben. Daher sprechen wir zwar einerseits Themen an, die gerade für die Welt der freien Software interessant sein könnten, z. B. Privatsphäre, kollaboratives Wissen, heutige Arbeitsbedingungen, usw. verlangen von unserem Publikum aber keinerlei Vorwissen. Jeder kann Antigone 2.0 sehen und hoffentlich genießen.

Der LinuxTag ist auf dem Messegelände unterm Funkturm in Berlin in den Hallen 7 zu finden. Unsere Aufführung findet am 28.05.2008 um 19.00 Uhr im Raum "Paris" statt. Eintritt zur Aufführung ist frei – man benötigt allerdings eine Eintrittskarte für den LinuxTag (9 Euro normal, 5 Euro ermäßigt).

Wer sich die Aufführung ansehen will, sollte sich unbedingt vorher überlegen, ob er bei unserem Live-Chat mitmachen will. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits macht es irre viel Spaß, wie bisher alle Teilnehmer bestätigt haben, andererseits bekommt man vielleicht nicht immer alles mit, was auf der Bühne passiert.

Wer chatten will, muss unbedingt sein eigenes Notebook mit WLAN zum LinuxTag mitbringen. Man sollte sich außerdem bereits rechtzeitig vor der Aufführung
erkundigen, wie die Zugangsdaten fürs offizielle LinuxTag-WLAN lauten. Unsere Chatsoftware erfordert, dass das Java Runtime Environment 1.6 installiert
ist, was meistens der Fall sein sollte. Falls nicht, kann man es kostenlos unter java.com herunterladen. Unsere Chatsoftware selbst werden wir rechtzeitig vor dem LinuxTag auf unserer Homepage zum Download bereitstellen und außerdem auf dem LinuxTag kostenlos auf CD verteilen. Die Software braucht nicht installiert werden und ist intuitiv zu bedienen. Einlass für Antigone 2.0 ist um 18.30, d. h. man hat 30 Minuten Zeit zu testen, ob das chatten richtig funktioniert. :)

Organisiert ihr Theateraufführungen direkt via Blog?

Die Organisation einer Theateraufführung ist sehr kompliziert. Auf dem LinuxTag sind beispielsweise neben den 6 Schauspielern zwei ITler, eine
Maskenbildnerin, voraussl. ein Lichttechniker, ein Tontechniker, meine Assistentin und ich anwesend. Das Bühnenbild muss rechtzeitig transportiert und bis zum Einsatz gelagert werden. Für die Wiederaufführung proben wir viermal je sechs Stunden in einem Probenraum im Theaterhaus Mitte und haben eine vorhergehende Sprechprobe. Neben der eigentlichen Aufführung müssen Dinge wie Aufbauausweise, Pressemitteilungen, Programmhefte, usw. bedacht werden.

Die meisten dieser Dinge lassen sich meiner Meinung nach nicht sinnvoll per Blog koordinieren. Nicht alle beteiligten Personen und Firmen können und
wollen sich mit einem Blog auseinandersetzen, außerdem gibt es sehr vieles was auch – sofern wir diese Dinge alle öffentlich organisieren würden – für
den Leser vermutlich völlig langweilig wäre. Daher organisieren wir unsere Aufführungen hauptsächlich per E-Mail und Telefon. Wir versuchen allerdings
über möglichst alles interessante, was wir tun im Blog zu berichten. Daher gibt es auch einen Bericht über fast jede unserer Proben.

Was bedeutet dir die Kunst, genauer das Theater,  und wie siehst du ihren gesellschaftlichen Stand heutzutage?

Ich studiere Theaterwissenschaft, gehe oft zweimal in der Woche ins Theater, habe vor kurzem eine Regieassistenz an der Opernbühne Allgäu gemacht, inszeniere Antigone 2.0 (und habe schon ein paar neue Ideen)… Ich würde sagen, Theater ist meine Leidenschaft. Natürlich interessiere ich mich auch für andere Kunstformen (hauptsächlich zeitgenössische Skulpturen und klassische Konzerte), aber das Theater fasziniert mich wegen seines einzigartigen Live-Charakters. Abend für Abend spielen Schauspieler die gleiche Rolle, immer ist es einen Hauch anders, immer reagiert das Publikum anders, manchmal kommt es zur Interaktion zwischen Schauspielern und Publikum. Das Theater kann dabei auf wunderbare Art und Weise gleichzeitig unterhalten und zum Nachdenken anregen.

Der gesellschaftliche Stand ist schwer zu beurteilen. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute heutzutage den Live-Charakter des Theaters nicht mehr als
besonders angenehmes Merkmal wahrnehmen. Schon oft gab es folgenden Dialog: "Acht Euro wollt ihr? Dafür kann ich doch auch ins Kino! [nicht ausgesprochen, aber gedacht: Mit absoluten Profi-Schauspielern und 120 Minuten Film] – Aber wir sind Live! – Na und?" Allerdings handelt es sich nur um eine Vermutung, die ich nicht belegen kann.

Theaterstücke oder Vernissagen sind nicht jedermanns Sache. Wie motiviert man solche „Banausen“?

Niemand sollte ins Theater gezwungen werden. Wer nicht will, hat eben Pech gehabt. Eventuell kann man neue Zuschauergruppen durch solche ausgefallenen Konzepte wie unseren Live-Chat ansprechen. Dabei vergrault man aber möglicherweise bestimmte Teile des Stammpublikums, die keine Experimente wollen.

Ich halte es (aus künstlerischer Sicht) strikt so: Mache dir niemals Gedanken darüber, wer in deine Aufführungen kommt. Sorge nur dafür, dass die die
gekommen sind, es genießen können. Aus ökonomischer Sicht versuche ich natürlich bei einer Eigenproduktion wie Antigone 2.0 möglichst viele Leute dazu zu bringen, sich die Aufführung anzusehen und vor allem dafür zu bezahlen. ;)

Wer macht alles bei euch mit und wer darf noch dazu kommen?

Zunächst ganz wichtig: Wir haben in der Regel kein Geld um irgendjemanden zu bezahlen, egal wie gut er ist! Wir machen Antigone 2.0 aus Freude an der
Sache. Als kleine Belohnung gibt es allerdings T-Shirts, Freikarten, Aufführungsvideo, Programmheft, usw.

Wir haben derzeit ein 15köpfiges Team aus sechs Schauspielern und neun "Schwarzen". Für die Inszenierung Antigone 2.0 selbst bräuchten wir nur dann Hilfe, wenn wir nach dem LinuxTag weitere Aufführungen organisieren werden – das steht bisher noch nicht fest.

Sehr willkommen wäre jedenfalls jemand, der sich um die Finanzen kümmert: Sponsoren gewinnen, Kontakt zu den Sponsoren, Preisverhandlungen und Einkauf, Beantragung von Fördermitteln, usw. Das alles sind sehr wichtige Aufgaben, die allerdings viel zu viel meiner Zeit wegnehmen. Ich würde hier lieber mit jemand kompetentem Zusammenarbeiten und mich mehr auf künstlerische Aspekte konzentrieren.

Außerdem würde ich mich über jemanden freuen, der unsere Publikationen, Blogeinträge, Pressemitteilungen, Werbemittel, usw. korrekturliest. Das tun meist zwar schon mindestens zwei Personen aus unserem Team, aber immer wieder rutscht doch ein Fehler durch.

Für zukünftige Projekte suche ich allerdings so gut wie in jedem Bereich Leute: Schauspieler, Musiker, Bühnenbildner, Videotechniker, usw. usf. Eine formale Bewerbung brauche ich nicht, eine E-Mail reicht mir, dann besprechen wir alles weitere.

Welche Blogs liest du regelmäßig?

Eine ganze Menge – auch wenn ich das Konzept einer Blogroll nicht mag (wie man an unserer Seite sieht). Das hier sind meine Favoriten:
- Den Altenheimblogger
- Das Admin-Blog
- Das Bestatterweblog
- Die Buchhändlerin
- Das Elektronikladenblog
- Den Hostblogger
- Den Kinderarzt
- Das Lawblog
- Den Notrufblogger
- Das Pizzablog
- Das Rechtsanwaltsblog
- Den Shopblogger
- Das Taxi-Blog
- Und einige Theaterblogs

Betreibst du noch andere Blogs?

Ich habe ein privates Blog. Die Daten der letzten fünf Einträge sind 19.6.07,  27.2.07,  19.11.06,  30.8.06,  7.8.06. Also um genau zu sein: Nein.

Was können wir in Zukunft von dir und deinem Blog erwarten?

Ich werde wahrscheinlich mit eigenen Leuten aus dem jetzigen Team wieder zusammenarbeiten, sodass ich das Blog auch für zukünftige Projekte nutzen will, d. h. weiterhin im Blog über Proben und Aufführungen berichten werde. Hier einige meiner Ideen, Details gibt es zu allen auf Anfrage:

Ich würde gerne die Ödipusgeschichte (König Ödipus, Ödipus auf Kolonos) inszenieren, interessiere mich aber weniger für den gleichnamigen Komplex,
sondern für den Umgang mit Wissen und die Frage nach der Bedeutung von Wissen, den Arten des Wissens, dem Verhältnis Macht-Wissen, wann es vielleicht sinnvoll ist nicht zu viel zu wissen, wann zu lügen, usw. Der geplante Titel lautet "Ödipedia", was bereits erahnen lässt, dass es wieder einen Bezug zu Internet-Themen geben wird.

Ich möchte gerne das (eher unbekannte Stück) die "Sieben gegen Theben" von Aischylos inszenieren und dabei den Fokus auf Kriegsrhetorik legen. Hierbei würde ich versuchen ein Computerkriegsspiel mit der Theateraufführung zu kombinieren.

Außerdem habe ich bereits ganz grobe Ideen für:

- die Bakchen (von Euripides)
- ein Projekt, dass sich mit Berliner Geschichte auseinandersetzt
- ein Märchen

Mehr wird noch nicht verraten. ;)

Irgendwelche letzten Worte?

Ich fürcht’, es ist am besten zu erhalten, bestehendes Gesetz und so zu enden.

Link: www.antigone20.de/blog

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