antigone20.de/blog
Hallo Benedict. Was ist Antigone?
Antigone ist zunächst ein antikes Drama von Sophokles aus dem Jahr 442 vor Christus.
Da ich viele der darin angesprochenen Probleme (Generationenkonflikt, Verhältnis Privat-Öffentlich, Spannung zwischen bedingungslosem Fortschritt und Tradition, usw.) für sehr heutig halte, entstand im Juni 2007 die Idee, eine zeitgemäße Inszenierung namens Antigone 2.0 zu entwickeln.
Eine der wichtigsten Fragen in Antigone lautet: “Wem gehört eine Leiche?” Diese sehr konkrete Fragestellung deutet natürlich auf einen abstrakteren Konflikt: In der Antike begann durch das Aufkommen der Demokratie das Private immer mehr ins Blickfeld des gesellschaftlichen Diskurses zu rücken. Bestattungen sind nur ein Beispiel von vielen, wo die familiäre, individuelle oder private Organisation (Männer heben das Grab aus, Frauen spenden die Totengaben) von einer staatlich-gesellschaftlichen abgelöst wird (staatliche Bestattungen von im Krieg gefallenen, Verbot Staatsfeinde zu bestatten, usw.). Teil dieses Konflikts zwischen dem Privaten und dem Gesellschaftlichen ist die Frage nach der anzuwendenden Rechtsform - Dike oder Nomoi. Das geschriebene staatliche Recht bietet erstmals eine verlässliche Rechtsgrundlage, Rechtssicherheit. Andererseits steht es oft im Widerspruch zum Naturrecht oder zur eigenen Moral/zum Gewissen. Wir sehen an unserem eigenen Rechtssystem, dass immer mehr Ausnahmeregelungen geschaffen werden müssen, um scheinbar faire Gesetzgebung gewährleisten zu können.
In unserer heutigen Internetgesellschaft des Web 2.0 ist ebenfalls ein Wandel festzustellen. Ehemals private Details werden Teil des gesellschaftlichen Diskurses - sei es durch soziale Netzwerke, die um den größtmöglichen Nutzen zu gewährleisten erfordern, dass möglichst viele private Details preisgegeben werden. Was wäre StudiVZ, ohne die Information, wo man studiert, welche Seminare man belegt, und ohne die Möglichkeit sich einer Gruppe anzuschließen? Sind die interessantesten Blogs nicht die, die tatsächliche Geschehnisse beinhalten und möglichst persönliche Details preisgeben?
Auf dieser gemeinsamen Basis - dem Überführen des Privaten in den gesellschaftlichen Diskurs, um damit ein besonders demokratisches System zu erreichen - sind Web 2.0 und Antigone ähnlich aufgebaut.
Ein Schlagwort des Web 2.0 ist user generated content, d. h. die Benutzer eines Systems steuern selbst seinen Inhalt bei. In Antigone 2.0 können Zuschauer per Chat user generated content beitragen. Sie bilden den antiken Chor und können das Geschehen auf der Bühne kommentieren, kritisieren oder ergänzen. Dadurch, dass nicht alle Zuschauer die Möglichkeit haben, mitzuchatten (die anderen können ihn auf der Leinwand per Beamer nachlesen) zeigen wir auch auf, dass an jedem angeblich “demokratischen” System nur eine Teilmenge von Personen teilnehmen kann. In der griechischen Polis waren beispielsweise Frauen ausgeschlossen, im Web 2.0 sind es Menschen ohne Internetzugang, im politischen System der Bundesrepublik Deutschland gibt es ebenfalls hinreichend bekannte Beschränkungen.
Antigone 2.0 ist allerdings neben dem Namen der Inszenierung auch gleichzeitig der Name der Theatergruppe.
Am “Linux-Tag” seid ihr auf der Messe wie ich auf euerem Blog festgestellt habe. Was müssen die Leser dazu wissen?
Zunächst wollen wir gleichzeitig den typischen LinuxTag-Besucher ansprechen, wie auch Personen, die nur für unser Stück zur Messe kommen und mit Linux gar nichts zu tun haben. Daher sprechen wir zwar einerseits Themen an, die gerade für die Welt der freien Software interessant sein könnten, z. B. Privatsphäre, kollaboratives Wissen, heutige Arbeitsbedingungen, usw. verlangen von unserem Publikum aber keinerlei Vorwissen. Jeder kann Antigone 2.0 sehen und hoffentlich genießen.
Der LinuxTag ist auf dem Messegelände unterm Funkturm in Berlin in den Hallen 7 zu finden. Unsere Aufführung findet am 28.05.2008 um 19.00 Uhr im Raum "Paris" statt. Eintritt zur Aufführung ist frei - man benötigt allerdings eine Eintrittskarte für den LinuxTag (9 Euro normal, 5 Euro ermäßigt).
Wer sich die Aufführung ansehen will, sollte sich unbedingt vorher überlegen, ob er bei unserem Live-Chat mitmachen will. Das hat Vor- und Nachteile. Einerseits macht es irre viel Spaß, wie bisher alle Teilnehmer bestätigt haben, andererseits bekommt man vielleicht nicht immer alles mit, was auf der Bühne passiert.
Wer chatten will, muss unbedingt sein eigenes Notebook mit WLAN zum LinuxTag mitbringen. Man sollte sich außerdem bereits rechtzeitig vor der Aufführung
erkundigen, wie die Zugangsdaten fürs offizielle LinuxTag-WLAN lauten. Unsere Chatsoftware erfordert, dass das Java Runtime Environment 1.6 installiert
ist, was meistens der Fall sein sollte. Falls nicht, kann man es kostenlos unter java.com herunterladen. Unsere Chatsoftware selbst werden wir rechtzeitig vor dem LinuxTag auf unserer Homepage zum Download bereitstellen und außerdem auf dem LinuxTag kostenlos auf CD verteilen. Die Software braucht nicht installiert werden und ist intuitiv zu bedienen. Einlass für Antigone 2.0 ist um 18.30, d. h. man hat 30 Minuten Zeit zu testen, ob das chatten richtig funktioniert.
Organisiert ihr Theateraufführungen direkt via Blog?
Die Organisation einer Theateraufführung ist sehr kompliziert. Auf dem LinuxTag sind beispielsweise neben den 6 Schauspielern zwei ITler, eine
Maskenbildnerin, voraussl. ein Lichttechniker, ein Tontechniker, meine Assistentin und ich anwesend. Das Bühnenbild muss rechtzeitig transportiert und bis zum Einsatz gelagert werden. Für die Wiederaufführung proben wir viermal je sechs Stunden in einem Probenraum im Theaterhaus Mitte und haben eine vorhergehende Sprechprobe. Neben der eigentlichen Aufführung müssen Dinge wie Aufbauausweise, Pressemitteilungen, Programmhefte, usw. bedacht werden.
Die meisten dieser Dinge lassen sich meiner Meinung nach nicht sinnvoll per Blog koordinieren. Nicht alle beteiligten Personen und Firmen können und
wollen sich mit einem Blog auseinandersetzen, außerdem gibt es sehr vieles was auch - sofern wir diese Dinge alle öffentlich organisieren würden - für
den Leser vermutlich völlig langweilig wäre. Daher organisieren wir unsere Aufführungen hauptsächlich per E-Mail und Telefon. Wir versuchen allerdings
über möglichst alles interessante, was wir tun im Blog zu berichten. Daher gibt es auch einen Bericht über fast jede unserer Proben.
Was bedeutet dir die Kunst, genauer das Theater, und wie siehst du ihren gesellschaftlichen Stand heutzutage?
Ich studiere Theaterwissenschaft, gehe oft zweimal in der Woche ins Theater, habe vor kurzem eine Regieassistenz an der Opernbühne Allgäu gemacht, inszeniere Antigone 2.0 (und habe schon ein paar neue Ideen)… Ich würde sagen, Theater ist meine Leidenschaft. Natürlich interessiere ich mich auch für andere Kunstformen (hauptsächlich zeitgenössische Skulpturen und klassische Konzerte), aber das Theater fasziniert mich wegen seines einzigartigen Live-Charakters. Abend für Abend spielen Schauspieler die gleiche Rolle, immer ist es einen Hauch anders, immer reagiert das Publikum anders, manchmal kommt es zur Interaktion zwischen Schauspielern und Publikum. Das Theater kann dabei auf wunderbare Art und Weise gleichzeitig unterhalten und zum Nachdenken anregen.
Der gesellschaftliche Stand ist schwer zu beurteilen. Ich habe das Gefühl, dass viele Leute heutzutage den Live-Charakter des Theaters nicht mehr als
besonders angenehmes Merkmal wahrnehmen. Schon oft gab es folgenden Dialog: "Acht Euro wollt ihr? Dafür kann ich doch auch ins Kino! [nicht ausgesprochen, aber gedacht: Mit absoluten Profi-Schauspielern und 120 Minuten Film] - Aber wir sind Live! - Na und?" Allerdings handelt es sich nur um eine Vermutung, die ich nicht belegen kann.
Theaterstücke oder Vernissagen sind nicht jedermanns Sache. Wie motiviert man solche „Banausen“?
Niemand sollte ins Theater gezwungen werden. Wer nicht will, hat eben Pech gehabt. Eventuell kann man neue Zuschauergruppen durch solche ausgefallenen Konzepte wie unseren Live-Chat ansprechen. Dabei vergrault man aber möglicherweise bestimmte Teile des Stammpublikums, die keine Experimente wollen.
Ich halte es (aus künstlerischer Sicht) strikt so: Mache dir niemals Gedanken darüber, wer in deine Aufführungen kommt. Sorge nur dafür, dass die die
gekommen sind, es genießen können. Aus ökonomischer Sicht versuche ich natürlich bei einer Eigenproduktion wie Antigone 2.0 möglichst viele Leute dazu zu bringen, sich die Aufführung anzusehen und vor allem dafür zu bezahlen.
Wer macht alles bei euch mit und wer darf noch dazu kommen?
Zunächst ganz wichtig: Wir haben in der Regel kein Geld um irgendjemanden zu bezahlen, egal wie gut er ist! Wir machen Antigone 2.0 aus Freude an der
Sache. Als kleine Belohnung gibt es allerdings T-Shirts, Freikarten, Aufführungsvideo, Programmheft, usw.
Wir haben derzeit ein 15köpfiges Team aus sechs Schauspielern und neun "Schwarzen". Für die Inszenierung Antigone 2.0 selbst bräuchten wir nur dann Hilfe, wenn wir nach dem LinuxTag weitere Aufführungen organisieren werden - das steht bisher noch nicht fest.
Sehr willkommen wäre jedenfalls jemand, der sich um die Finanzen kümmert: Sponsoren gewinnen, Kontakt zu den Sponsoren, Preisverhandlungen und Einkauf, Beantragung von Fördermitteln, usw. Das alles sind sehr wichtige Aufgaben, die allerdings viel zu viel meiner Zeit wegnehmen. Ich würde hier lieber mit jemand kompetentem Zusammenarbeiten und mich mehr auf künstlerische Aspekte konzentrieren.
Außerdem würde ich mich über jemanden freuen, der unsere Publikationen, Blogeinträge, Pressemitteilungen, Werbemittel, usw. korrekturliest. Das tun meist zwar schon mindestens zwei Personen aus unserem Team, aber immer wieder rutscht doch ein Fehler durch.
Für zukünftige Projekte suche ich allerdings so gut wie in jedem Bereich Leute: Schauspieler, Musiker, Bühnenbildner, Videotechniker, usw. usf. Eine formale Bewerbung brauche ich nicht, eine E-Mail reicht mir, dann besprechen wir alles weitere.
Welche Blogs liest du regelmäßig?
Eine ganze Menge - auch wenn ich das Konzept einer Blogroll nicht mag (wie man an unserer Seite sieht). Das hier sind meine Favoriten:
- Den Altenheimblogger
- Das Admin-Blog
- Das Bestatterweblog
- Die Buchhändlerin
- Das Elektronikladenblog
- Den Hostblogger
- Den Kinderarzt
- Das Lawblog
- Den Notrufblogger
- Das Pizzablog
- Das Rechtsanwaltsblog
- Den Shopblogger
- Das Taxi-Blog
- Und einige Theaterblogs
Betreibst du noch andere Blogs?
Ich habe ein privates Blog. Die Daten der letzten fünf Einträge sind 19.6.07, 27.2.07, 19.11.06, 30.8.06, 7.8.06. Also um genau zu sein: Nein.
Was können wir in Zukunft von dir und deinem Blog erwarten?
Ich werde wahrscheinlich mit eigenen Leuten aus dem jetzigen Team wieder zusammenarbeiten, sodass ich das Blog auch für zukünftige Projekte nutzen will, d. h. weiterhin im Blog über Proben und Aufführungen berichten werde. Hier einige meiner Ideen, Details gibt es zu allen auf Anfrage:
Ich würde gerne die Ödipusgeschichte (König Ödipus, Ödipus auf Kolonos) inszenieren, interessiere mich aber weniger für den gleichnamigen Komplex,
sondern für den Umgang mit Wissen und die Frage nach der Bedeutung von Wissen, den Arten des Wissens, dem Verhältnis Macht-Wissen, wann es vielleicht sinnvoll ist nicht zu viel zu wissen, wann zu lügen, usw. Der geplante Titel lautet "Ödipedia", was bereits erahnen lässt, dass es wieder einen Bezug zu Internet-Themen geben wird.
Ich möchte gerne das (eher unbekannte Stück) die "Sieben gegen Theben" von Aischylos inszenieren und dabei den Fokus auf Kriegsrhetorik legen. Hierbei würde ich versuchen ein Computerkriegsspiel mit der Theateraufführung zu kombinieren.
Außerdem habe ich bereits ganz grobe Ideen für:
- die Bakchen (von Euripides)
- ein Projekt, dass sich mit Berliner Geschichte auseinandersetzt
- ein Märchen
Mehr wird noch nicht verraten.
Irgendwelche letzten Worte?
Ich fürcht’, es ist am besten zu erhalten, bestehendes Gesetz und so zu enden.
Link: www.antigone20.de/blog



Mai 5th, 2008 at 14:45
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