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	<title>Willkommen in Bloggersdorf &#187; Ödipedia</title>
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	<description>Stell uns Dein Blog vor!</description>
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		<title>antigone20.de</title>
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		<pubDate>Tue, 14 Apr 2009 19:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
				<category><![CDATA[Kultur]]></category>
		<category><![CDATA[Berlin Spandau]]></category>
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		<category><![CDATA[Theater 2.0]]></category>

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		<description><![CDATA[Am kommenden Freitag, den 17. April feiert die Theatergruppe des interaktiven Projektes &#8220;Antigone 2.0&#8243; die Premiere des Stückes &#8220;Ödipedia&#8221; im Kulturhaus Spandau Berlin. Dieses in unseren Augen sehr interessante Projekt war uns natürlich ein ausführliches Interview wert, welches wir Euch hier präsentieren wollen. Benedict, auch Dich begrüßen wir aus gegebenem Anlass schon zum zweiten Mal [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div class="tweetmeme_button" style="float: right; margin-left: 10px;">
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<p>Am kommenden Freitag, den 17. April feiert die Theatergruppe des  interaktiven Projektes &#8220;Antigone 2.0&#8243; die Premiere des Stückes &#8220;Ödipedia&#8221; im Kulturhaus Spandau Berlin. Dieses in unseren Augen sehr interessante Projekt war uns natürlich ein ausführliches Interview wert, welches wir Euch hier präsentieren wollen.</p>
<p><strong>Benedict, auch Dich begrüßen wir aus gegebenem Anlass schon zum zweiten Mal in unserem fröhlichen Dorf der Worte. Bitte erkläre für alle, die das erste Interview nicht gelesen haben noch einmal, worum es sich bei dem Projekt „Antigone 2.0“ handelt und wie dieses entstanden ist.</strong><br />
Antigone 2.0 ist eine freie Theatergruppe in Berlin. Wir wollen Theater machen, dass sich mit den Trends auseinandersetzt, die unsere heutige Generation erlebt. Das sind veränderte Arbeitsverhältnisse, anderer Umgang mit Wissen, aber vor allem das, was unter dem Begriff „Web 2.0“ verstanden wird: Die Bündelung von Inhalten der Theatermacher, mit denen der Zuschauer, die ständige Kommentierbarkeit einer Aufführung via Live-Chat, die Nutzung des Theaters als Plattform für Themen, die die Zuschauer interessieren – und nicht irgendwelche abgehobenen Künstler in einem Wolkenschloss, das sind alles Konzepte, die wir ausprobieren und „Theater 2.0“ nennen.<br />
Die Gruppe wurde im Mai 2007 gegründet und besteht hauptsächlich aus Studenten (davon viele Theaterwissenschaftler), aber auch aus ein paar Profis, insbesondere im technischen Bereich. Wir haben mit der gleichnamigen Inszenierung „Antigone 2.0“ im November 2007 großen Erfolg gehabt. Wer im Publikum dazu Lust hatte, konnte während der Aufführungen live über diese chatten, der Chat wurde auf eine Leinwand auf der Bühne projiziert.<br />
<strong>Erkläre mir doch bitte Deine Funktion bei „Antigone 2.0“</strong><br />
Ich bin Gründer, Produzent und Regisseur bei Antigone 2.0. Als Gründer habe ich das Team zusammengestellt und das Konzept für die Gruppe und die Inszenierungen geschaffen. Als Produzent organisiere ich Aufführungs- und Probenräume, Sponsoren und die PR-Strategie. Als Regisseur lege ich das künstlerische Konzept jeder Inszenierung fest, bin natürlich bei allen Proben vor Ort und sage den Schauspielern, was sie tun, wie sie stehen und gehen, wie sprechen sollen. Ich lege die Requisiten und Kostüme fest, die wir verwenden und habe notfalls auch bei allen anderen künstlerischen Entscheidungen (Bühnenbild, Maske, Licht) das letzte Wort, auch wenn ich hier meine Teammitglieder möglichst frei arbeiten lassen will.</p>
<p><strong> Das Projekt verinnerlicht das Transparenz-Prinzip des web 2.0. Allgemein kann man sagen, dass dieses heute in fast allen Alltagssituationen präsent ist und diese beeinflusst. Wie denkst Du, wird sich dieser Einfluss in Zukunft auf das klassische Theater auswirken?</strong><br />
Das klassische Theater geht das Web 2.0 einseitig an, wie ich finde: Fast alle Theater haben eine Webseite, viele bloggen, manche twittern sogar. Auf den meisten Seiten lassen sich Kommentare hinterlassen. Das ist alles gut und richtig, hat aber mit Theater nichts zu tun, sondern mit Marketing. Wenn ein Theater das Web 2.0 produktiv nutzen will – und das muss es selbstverständlich nicht, sollte es aber, wenn es gesellschaftliche Relevanz haben will – müssen Web 2.0-Prinzipien vom Web auf die Bühne: Transparenz, Kommentarfunktion, gleichzeitige Ermöglichung von Anonymität oder Selbstentblößung, User Generated Content und am Besten alles davon kombiniert. Hier ein Beispiel für eine hypothetische Inszenierung, die sich das Label 2.0 anheften könnte – das wurde so nicht gemacht, die Idee ist mir gerade spontan gekommen.<br />
„Der Maskenball 2.0“, frei nach Verdi: Die Zuschauer werden einzeln eingelassen und bekommen, wenn sie möchten beim Einlass eine Maske. Es gibt keine Sitzplätze, sondern man wird direkt auf die Bühne geführt. Dort werden die Zuschauer von Schauspielern in ein Gespräch verwickelt, je nach den Antworten beeinflusst das Ablauf und Handlung des Stücks. Das ganze wird live auf einer Internetseite übertragen. Die Zuschauer dort können den Schauspielern auf der Bühne, wenn sie mögen SMS-Nachrichten schicken oder sogar anrufen – denn wer braucht heutzutage noch Wahrsagerinnen und Boten? Auch diese Kommunikationsebene beeinflusst Ablauf und Handlung des Stücks. Alles darf passieren, nichts muss, jeder kann jederzeit aussteigen. Zum User Generated Content kommt der „redaktionelle“ Content von Regisseur und Schauspielern, beides mischt sich und wird zu einer neuen, tollen Sache.<br />
Die Idee ist schon ziemlich 2.0, ohne irgendeine besonders neue oder ausgefallene Technik einzusetzen. Da wir aber alle total auf Technik stehen, wird sich das Theater vielleicht nach und nach zu Theater mit Twitterwalls entwickeln. Die Zuschauer lassen ihre Handys an und kommentieren live das Bühnengeschehen. Auch hier können interessierte Personen „von außen“, die es leider nicht zum Theaterabend schaffen die Kommentare live mitlesen und können selbst drauf antworten, z. B. sowas wie „@opernfreak: Naja, würde mir glaube ich nicht gefallen, stehe mehr auf moderne Kostüme“<br />
Ich behaupte mal ganz dreist, dass auf dem Gebiet – zumindest im deutschsprachigen Raum, unsere Gruppe der Pionier ist. Aus verschiedenen akustischen Gründen haben wir bei unserer ersten Inszenierung „Antigone 2.0“, nach der die Gruppe benannt ist, statt Handys Notebooks verwendet, über die man chatten konnte. Das Konzept – und unsere spezielle Chatsoftware für Theater &#8211; wird nun auch von der Thomas Mann Oberschule für die Inszenierung „die Beamerbrooks“ eingesetzt.<br />
Wichtig ist mir aber zu betonen, dass alle Web 2.0-Elemente, die man einsetzt, auch zum Stück passen müssen. Genauso wie alle Kostüme, die man einsetzt, zum Stück passen müssen. Oder, wenn es das Konzept will, dass eben nichts zusammenpasst, so muss auch das in sich schlüssig sein.</p>
<p><strong>Inwiefern beeinflusst das Internet im Allgemeinen inzwischen deinen Alltag?</strong><br />
Sehr. Morgens nehme ich meinen ersten Kaffee vorm Computer zu mir. Dann werden erstmal E-Mails gelesen und beantwortet. Ich bin ein Mensch, der gern so viel wie möglich schriftlich hat, fast alle mündlichen Absprachen in der Gruppe werden nochmal per Mail bestätigt. Die Kommunikation läuft generell mehr über Mail als z. B. telefonisch ab.<br />
Unser aktueller Probenplan steht online unter <a href="http://ödipedia.de/" target="_blank">ödipedia.de</a> &#8211; Probenplan, genauso unsere Requisitenliste und der Text der Inszenierung. Ich merke mir von keiner einzigen Probe mehr die Uhrzeiten, sondern schaue immer vorher im Internet nach. Dadurch verkümmert mein Hirn vielleicht, ich weiß es nicht, aber andererseits kann ich mich auf das Wesentliche, auf die künstlerischen Aspekte konzentrieren. Die Verwendung des Wikis auch für die Planung von Ödipedia war eine geniale Idee. Als Theatergruppe arbeitet man immer in gewissem Maße kollaborativ und das Wiki ist ideal dafür. Natürlich braucht man auch weniger Papier.</p>
<p>Über alle Aufführungen, Proben, Neuigkeiten, Sponsoren, interessante Veranstaltungshinweise, über unsere Parties usw. usf. wird auf dem Blog der Gruppe <a href="http://www.antigone20.de" target="_blank">www.antigone20.de</a> geschrieben. Jedes Teammitglied hat einen Account, aber wie viel man schreibt ist natürlich jedem selbst überlassen. Ich schreibe relativ viel und alles, was zu kurz für einen Blogeintrag ist, oder zu banal, wird getwittert.<br />
Angebote zum Beispiel für T-Shirt-Druck, hole ich übers Internet ein. Bei teureren Dingen wird noch postalisch gearbeitet, die Angefragten bekommen einen Flyer und einen Button dazu und eine Unterschrift mit blauer Tinte, ich habe das Gefühl, dass das trotz allem noch mehr Wertschätzung des Geschäftspartners ausdrückt (den wir in aller Regel um Spenden oder günstige Bühnenbildmaterialien anbetteln), als jede noch so höfliche E-Mail.<br />
Und während ich natürlich auch offline genug Hobbies habe, nutze ich das Internet auch zwischendurch zur Entspannung. Ein gewaltiges Problem ist, dass die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen. Würde ich an einem Fließband, in einer Küche, oder auf dem Bau arbeiten, dann würde ich da Stunde um Stunde konzentriert meiner Arbeit nachgehen können, weil es außer dem Gespräch mit Kollegen nicht viel Ablenkungsmöglichkeiten gibt. Wenn ich dagegen online zu planen, zu bloggen, zu recherchieren und zu kommunizieren habe, um die Inszenierung voranzubringen, lauern überall hinterlistige Links, bösartige Berufsblogger, gemeingefährliche Onlinespiele oder vampirähnliche Nachrichtenportale, die meine Lebenszeit aussaugen wollen. Für mich persönlich habe ich festgestellt, dass besser ist, keine kurzen Pausen nach jeder Aufgabe mehr zu machen, auch wenn das vielleicht der ein oder andere Ratgeber empfiehlt, sondern stattdessen mehrere Stunden durchzuarbeiten und sich zu sagen, Punkt 14 Uhr mache ich eineinhalb Stunden Pause.<br />
Den gleichen Ansatz verfolge ich übrigens nicht nur Online, sondern auch bei den Proben. Nach zweieinhalb Stunden Arbeit gibt’s da zehn Minuten Pause, dann wieder zweieinhalb Stunden Arbeit.</p>
<p>Das Internet macht sich auch ständig bemerkbar, wenn es weg ist. Durch Zufall ist es heute ausgefallen, als ich die Antworten für das Interview formuliert habe und verzweifelt versuchte ich mich an einzelne Daten zu erinnern, die ich sonst innerhalb von Sekunden gegoogelt oder auf unserer Seite nachgeschlagen hätte. Was manche Leute irritiert: Ich tippe während des Telefonierens. Ich google live nach dem Gesprächsthema. Meistens, wenn mein Gegenüber mich fragt „Hast du schon von der neuen Inszenierung von &#8230; gehört?“, oder „Kannst du mir sagen, wo ich 100 Moonboots herkriege?“ (Theaterleute haben absurde Bedürfnisse) Und das schlimmste ist, ich tippe nicht mal unauffällig, sondern sehr laut, um dann zu antworten „Klar hab ich davon gehört, da spielt doch &#8230; mit.“ Üble Sache, dieses Internet, ganz üble Sache&#8230;</p>
<p><strong>Ab dem 17. April werdet Ihr im Kulturhaus Spandau Euer neues Stück &#8220;Ödipedia &#8211; Auf der Suche nach&#8221; inszenieren. Der Titel hört sich stark nach „griechische Mythologie trifft neue Medien“ an. Worum geht es inhaltlich?<br />
</strong>Inhaltlich geht es darum, dass griechische Mythologie neue Medien trifft. Spaß beiseite: Ödipedia setzt sich aus den Worten Ödipus und Wikipedia zusammen. Wir bringen das gesamte Leben des Ödipus auf die Bühne, also nicht nur das bekannte Drama „König Ödipus“, sondern auch seine Erlebnisse auf Kolonos und ein Stück Vorgeschichte. Der Text der Inszenierung ist nach dem Wikiprinzip entstanden. Vier Monate lang hatte wirklich jeder die Möglichkeit den Text auf ödipedia.de zu bearbeiten und zu ergänzen. Eine Reihe neue Rollen kam hinzu: Ein stummer Drache, ein sprechendes Fahrrad. Der weise Seher heißt auf einmal Fred. Der Königsstuhl ist ein weinrotes Sofa mit Alcantarabezug. Es gibt eine neue Szene, die Lokastes Motive in dem Stück ausführlich erklärt – das gab es in den Originalstücken von Sophokles so nicht. Wir wussten zu Beginn nicht, ob Leute lieber vorhandenen Text leicht umarbeiten, oder ob sie sich lieber austoben und Szenen ganz neu schreiben. Daher haben wir den Text in zwei Teile aufgeteilt. Im ersten Teil wurde ein Urtext, entwickelt von meiner Dramaturgin und mir und basierend auf „König Ödipus“ von Sophokles eingestellt, der dann erweitert und bearbeitet werden konnte. Im zweiten Teil haben wir nur hingeschrieben, worum es grob gehen solle. Beide Teile sind völlig unterschiedlich. Die Personen, die den zweiten Teil gestaltet haben, haben sich kurz gefasst, vielleicht so, wie sie es von der Wikipedia gewöhnt sind: Keine langen Chorlieder, keine ausschweifenden Metaphern, sondern punktgenau zum Ziel. Im Original hatte König Theseus in diesem Stück eine textlich sehr große Rolle. Bei uns bleibt seine Figur interessanterweise genauso wichtig, er sagt aber nur noch vielleicht zehn Sätze.</p>
<p>Jetzt fragt man sich natürlich, warum wir mit dieser Theater&amp;Wiki-Idee gerade Ödipus inszenieren. Der Grund ist, dass Ödipus sein Wissen um seine Identität aus vielen verschiedenen Quellen zusammensetzt. Manchen ist zu trauen, anderen nicht. Manche wissen mehr, andere weniger. Manche lügen bewusst, teils um einen Vorteil für sich selbst zu erzielen, teils um einen Scherz zu machen. Das alles entspricht dem, wie sich in unserer heutigen Wissensgesellschaft unsere Information zusammensetzen. Sie sind fragmentiert, wie Ödipus Identität fragmentiert ist.</p>
<p><strong>Gab es bis jetzt Kritik daran, dass Ödipus von Euch so „modern“ dargestellt wird?</strong><br />
Nein. Die wird vermutlich erst nach den Aufführungen geäußert. Wir versuchen aber in allem was wir tun, so viele Zuschauer wie möglich anzusprechen. Bei Ödipedia wird jeder, der noch nie von Web 2.0 gehört hat, die Aufführung genauso genießen können, wie ein Experte auf dem Gebiet. Wir machen möglichst viele Angebote an die Zuschauer, jeder darf sich davon nehmen, was ihr oder ihm gefällt. Wir haben diesmal einen etwas leichter verständlichen Text, als bei unserer ersten Inszenierung, wir haben auch weniger Ablenkung, da nicht während der Aufführung gechattet wird – dafür passieren andere überraschende Dinge&#8230;</p>
<p>Was mir ganz besonders wichtig ist: Wenn jemandem eine Aufführung nicht gefällt, ist das niemals die Schuld des Zuschauers! Niemand sollte sich vorwerfen „Ich bin einfach zu dumm für das Stück“, wie das bei unserer letzten Inszenierung eine Person zu mir gesagt hat. Man muss sich von der Vorstellung lösen, Theater nur genießen zu können, wenn man alle klitzekleinen Elemente, die es ausmacht, alle Anspielungen und Metaphern aufgesaugt, wahrgenommen und verstanden hat. Erstens funktioniert das sowieso nicht, dafür passiert auf der Bühne viel zu viel, dafür hat der Text zu viele Dimensionen, zweitens ist es für den Genuss der Inszenierung überhaupt nicht notwendig. Ödipedia ist so konstruiert, dass z. B. auch jemand der kein Wort deutsch spricht daran Spaß haben kann.<br />
Natürlich muss man als Zuschauer eines mitbringen: Eine aufnehmende, statt einer ablehnenden Haltung. Wer sagt „Theater interessiert mich sowieso nicht und das ist ja nur eine Laiengruppe, aber ich schau es mir halt mal an, auch wenn ich heute eigentlich viel zu müde bin und meine Füße schmerzen.“, der wird wahrscheinlich auch kritisieren, dass Ödipedia zu „modern“ oder zu langweilig, oder zu schnell oder zu langsam oder zu sonstwas ist.</p>
<p><strong>Vatermord und Inzest sind nicht unbedingt Kavaliersdelikte. Was macht die Geschichte des Ödipus auch heute noch so interessant und aktuell?<br />
</strong>Schön, dass du nach Vatermord und nicht nur nach Mord fragst. Warum ist der Vatermord eigentlich so viel schlimmer als der Mord an einem Fremden? Zumindest in Ödipedia ist er das, Ödipus hat keinerlei Schuldgefühle, so lange er glaubt, einen Fremden erschlagen zu haben, er trauert auch nicht, als Polybos stirbt, den er für seinen Vater hält. Aber sobald er erfährt, dass er seinen leiblichen Vater Laios umgebracht hat, verzweifelt er völlig. Dabei war Laios ein mieser Vater. Er hat Ödipus Füße verstümmeln lassen und wollte dann, dass man Ödipus töte. Ich denke, es ist wichtig, die Absurdität des ganzen aufzuzeigen, um vielleicht einen Konsens entwickeln zu können, in dem wir sagen, dass Blutsverwandtschaft nicht entscheidend dafür sein darf, was moralisch und was unmoralisch ist. Ich sehe das beim Inzest ähnlich: Wenn Verwandte ihre Liebe zueinander auf einer körperlichen Ebene zeigen wollen, sollen sie doch.  Ist zwar nicht mein Ding, aber jedem so wie er mag. Heutzutage kann man schließlich verhüten, womit das Hauptargument dagegen entkräftet ist – wer etwas anderes behauptet müsste sich auch gegen sexuelle Kontakte zwischen Personen mit erblichen Behinderungen aussprechen.<br />
Ganz anders sieht es natürlich damit aus, dass sexuelle Kontakte zwischen Blutsverwandten leider meist erzwungen werden – wie im Fall Fritzl. Diese halte ich – wie alle Vergewaltigungen – für das schlimmste Verbrechen, dass ein Mensch begehen kann, für etwas wodurch er zwar nicht immer direkt das Leben eines anderen nimmt, aber es indirekt völlig zerstören kann. Doch das Problem muss meiner Meinung nach losgelöst von Verwandtschaft betrachtet werden, ebenso wie Mord losgelöst vom Vater betrachtet werden muss.<br />
In der Antike drehen sich übrigens sehr viele Stücke um Vater- oder Muttermord, zum Beispiel die Orestie, schlicht und einfach weil es die verwerflichste Handlung darstellte, die man sich damals ausdenken konnte. Sophokles hat mit der Kombination aus Vatermord und Inzest mit der Mutter in einem Stück neue Maßstäbe gesetzt. Die Psychonanalyse hat das Thema ja ebenso erschöpfend durchgekaut, wie die Literaturwissenschaft. Ich muss sagen, es ist für unsere Inszenierung nicht unbedingt der wichtigste Aspekt, es geht bei uns mehr um Wissen, um Identität, um Fragen und Antworten. Faszinierende an Ödipedia ist allerdings, dass die Götter Ödipus am Schluß trotz allem was er getan hat – Vatermord, Inzest, Überheblichkeit gegenüber Göttern und Mitmenschen, Verfluchen der eigenen Söhne &#8211; für heilig erklären. Nicht nur für „entschuldigt“ oder für „so schlimm war es gar nicht“, sondern für heilig, in unserem Text heißt es sogar für „einen von ihnen“. Er bekommt sogar einen Altar. Warum das geschieht, da soll sich jeder Zuschauer selbst einen Reim drauf machen, das will ich nicht verraten.</p>
<p><strong>Das Stück beinhaltet sowohl die Interaktivität zwischen Darstellern und Saal-Publikum als auch die Möglichkeit der Interaktivität für Nutzer und Besucher der Homepage. Wie unterscheiden sich anwesendes und virtuelles Publikum in Deinen Augen?</strong><br />
Die Schnittmenge zwischen anwesendem und virtuellem Publikum ist wahrscheinlich sehr klein, da sich an der Textentwicklung alle möglichen deutschschreibenden Menschen und sogar ein schwedisch Schreibender beteiligt haben, während in das Kulturhaus Spandau im April bis auf wenige Ausnahmen aus Süddeutschland und Österreich, von denen ich weiß, vermutlich fast nur Berliner Publikum kommen wird. Ich schätze dass das anwesende Publikum oft auch wegen der Ödipusgeschichte kommt, oder einfach, weil man mal wieder ins Theater will – und das viele vorher gar nicht wissen, wie unser Text entstand, oder dass wir interaktive Elemente einbringen, die übrigens „freiwillig“ sind, d. h. niemand mitmachen muss.<br />
Für das virtuelle Publikum war sicher oft der Gedanke „Kann ich da WIRKLICH alles reinschreiben, oder löschen die meinen schwulen Drachen jetzt?“ entscheidender, als der, dass man sich das alles ein halbes Jahr später auf der Bühne ansehen kann, wenn man will.<br />
Aber ich kenne auch ein paar Leute, die mir gesagt haben, sie haben ein paar Sätze in den Text geschrieben und kommen jetzt ganz bewusst, um zu sehen, wie wir die umsetzen.<br />
Auch wegen dieser Diskrepanz verzichten wir diesmal auf den Einsatz von Chats oder komplizierter Technik während der Aufführungen. Sowas passt meiner Meinung nach nicht so gut nach Spandau, in einen Theatersaal mit edlen roten Sesseln, sondern sowas muss in einen leeren schwarzen Raum, oder auch auf den Linux-Tag, wo wir letztes Jahr mit „Antigone 2.0“ eingeladen waren, zu internetaffinen oder zumindest jungen Leuten.<br />
Vor einiger Zeit rief mich übrigens eine Journalistin an und sagte, was wir machen, das sei alles gar nicht interaktiv, ich bin natürlich überzeugt, dass es das durchaus ist, da gibt es also auch unterschiedliche Meinungen zu.</p>
<p><strong>Abschließend besteht auch für Dich die Möglichkeit, unseren Lesern Deine Weisheiten mitzuteilen.</strong><br />
Wie wir seit Yael Ronans Inszenierung „Die dritte Generation“ wissen, müssen wir Deutschen uns immer erstmal entschuldigen. Also entschuldige ich mich zunächst dafür, dass das Interview so lang geworden ist und hoffe, dass es zumindest interessant zu lesen war. Nach der Entschuldigung die Einladung: Ich lade alle Leser ganz herzlich ein, am 17. / 18. / 19. / 24. / 25. / 26. oder 27.04.2009 (jeweils 20 Uhr) ins Kulturhaus Spandau, Berlin zu kommen, um live zu sehen, worüber ich mich hier so theoretisch ausgelassen habe. Karten gibt es bei <a href="http://www.kulturhaus-spandau.de" target="_blank">www.kulturhaus-spandau.de</a> weitere Informationen bei <a href="http://www.antigone20.de" target="_blank">www.antigone20.de</a> oder <a href="http://ödipedia.de/" target="_blank">ödipedia.de</a></p>
<p>Nach der Entschuldigung und der Einladung nun das Ende, um der lieben Alliteration Willen. Meistens drücke ich mich lieber mit den Weisheiten anderer aus. Mit Sophokles zum Beispiel. Diesmal würde ich gern mit Heidegger abschließen:<br />
&#8220;Die Grenzen der Sprache, sind die Grenzen der Welt.&#8221;</p>
<p><strong>Lieber Benedict, ich danke Dir für dieses ausführliche Interview.</strong><br />
Links:</p>
<p><a href="http://www.antigone20.de/" target="_blank">www.antigone20.de</a></p>
<p><a href="http://ödipedia.de/" target="_blank">ödipedia.de</a></p>
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