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another view on history

Donnerstag, Februar 26th, 2009

Hallo Torsten, herzlich willkommen zu Deinem zweiten Interview im Bloggersdorf. Unser erstes Interview fand vor genau einem Jahr, kurz nach Beginn eures Blogs „Another view on history“ statt. Wie hat sich das Projekt seitdem entwickelt?

Das Projekt ist weiterhin ein reines Hobby-Projekt und wächst und gedeiht vor sich hin. Zwischenzeitlich mit einigen kleinen und größeren Pausen, weil die Beiträge ja doch recht aufwändig sind, und wir es nur dann vorantreiben können, wenn wir zeitlich gerade etwas Luft haben. Insgesamt aber denke ich, ist das Projekt weiterhin auf einem guten Weg.

 Ihr setzt den inhaltlichen Fokus Eurer Texte auf Einzelereignisse und erläutert in der Regel den historischen Kontext. Nach welchen Kriterien wählt ihr die Ereignisse aus und wie kann ich mir die dazugehörige Recherche vorstellen?

Das geschieht recht spontan. Eine genaue Planung gibt es da nicht. An Tagen, an denen wir dazu kommen, einen Artikel zu verfassen, schauen wir uns an, was in der Vergangenheit an diesem Datum passiert ist. Wenn wir dann ein Thema interessant finden, verfasst einer von uns dazu einen Artikel. Natürlich achten wir aber schon darauf, dass wir uns nicht nur innerhalb weniger Zeitabschnitte und Themen bewegen, sondern ein breites Spektrum abdecken. Dabei passiert es aber auch immer mal wieder, dass wir bei unseren eigenen Schwerpunkten hängen bleiben, so ich zum Beispiel vor allem bei Themen der britischen Geschichte.

Wodurch wird der Großteil Eurer Leser auf Euren Blog aufmerksam und wie viele Leser/ Besucher habt Ihr durchschnittlich pro Monat?

Das kann ich ehrlich nicht sagen. Wir haben das Projekt zu keinem Zeitpunkt aktiv beworben und werten auch unsere Statistiken in keiner Weise aus. Es handelt sich ja nicht um ein kommerzielles Projekt, bei dem das relevant ist. In der Hauptsache schreiben wir die Beiträge für uns, weil es uns Spaß macht.

Wie würdest Du die Stammleser von „Another view on history“ beschreiben ?

Auch das ist aus den oben genannten Gründen nicht so einfach zu beantworten – schlicht weil wir nicht wissen, wer unsere Stammleser sind. Ich würde aber darauf tippen, dass unser Blog nichts für den typischen Universitäts-Historiker ist, dazu ist es einfach nicht wissenschaftlich genug. Wir denken dabei eher an geschichtsinteressierte Laien, die sich nicht auf den Schlips getreten fühlen, wenn man auch mal ein Thema nicht so ernst aufgreift und Fakten und Fiktion vermischt.

Historiker gehen meist sehr penibel mit Ereignissen der Vergangenheit um, was regelmäßig zu öffentlichen Diskussionen führt. Ihr verbindet Eure Einleitungen oft mir fiktiven Inhalten. Führte dies jemals zu Kritik bezüglich der Wissenschaftlichkeit eurer Texte?

Weniger wegen der Wissenschaftlichkeit, als eher von Seiten von Besuchern, die die Intention des Blogs gar nicht erkennen und die Trennung nach Fakten und Fiktion nicht verstehen. So gab es durchaus schon emails, von Leuten, die unsere eigene Einstellung mit dem gleichsetzen, was wir unseren Protagonisten in den Mund legen und automatisch annehmen, unsere fiktiven Teile würden immer unsere Meinung wiedergeben oder diese gar als Tatsachenbehauptungen verstehen.

Ich habe oft den Eindruck, die deutschen Medien beschränken sich in der Vermittlung historischer Inhalte oft nur noch auf die Zeit des Nationalsozialismus und die jüngere Vergangenheit der Republik. Wie stehst Du zu dieser These?

Das ist sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Zwar werden auch immer mal wieder andere Themen aufgegriffen, aber dann meist im Nachtprogramm bei Arte oder Phoenix, wo die Anzahl der Zuschauer dann doch eher beschränkt ist. Klar, gerade die Zeit des Nationalsozialismus ist für die neueste Geschichte unseres Staates von ungeheurer Wichtigkeit. Ich sehe aber die Gefahr, dass da Abstumpfungsprozesse gegenüber den immer wieder durchgeleierten Themen genau zum Gegenteil der Intention der für die Auswahl der Themen Verantwortlichen führen. Viele interessante Prozesse, die auch bis heute von großer Bedeutung sind, aber vielleicht weiter zurückliegen, bleiben dabei leider auf der Strecke.

Das Interesse von Jugendlichen an historischen Ereignissen ist außerhalb des Geschichtsunterrichtes in den letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Was denkst Du darüber und welche Ansätze hältst Du für sinnvoll, um wichtige Ereignisse der Vergangenheit auch in jüngeren und nachfolgenden Generationen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen?

Ich glaube nicht, dass das ein originäres Problem des Interessensverlust an der Geschichte ist, sondern vielmehr ein generelles Problem der Interessenlosigkeit vieler Jugendlicher in allen Bereichen. Das gilt auch für politische Themen, genauso wie für den Sport, wo immer mehr Vereine mangels Nachwuchs ums Überleben kämpfen und viele andere Bereiche auch. Generell beschränkt sich meiner Meinung nach das Interesse von Kindern und Jugendlichen immer mehr nur auf den Bereich der Medien und immer weniger auf alles, was mit Wissen, sozialem Umfeld oder Engagement zu tun hat.
In Bezug auf die Geschichte ist das natürlich einerseits eine Frage der Schule, wo wir nur hoffen können, dass es Lehrern gelingt, bei ihren Schülern mehr Interesse für die Geschichte zu wecken. Hierzu bedarf es aber auch einer besseren didaktischen Ausbildung der zukünftigen Geschichtslehrer – ein Bereich, der neben der Wissenschaft an den Universitäten fast nicht zur Geltung kommt. Auch die Reformen des Lehramtstudiums haben da in den letzten Jahren nicht viel gebracht. Zwar soll es auf dem Papier eine deutliche Stärkung des Didaktik-Anteils am Studium geben, aber gleichzeitig werden eher Stellen in dem Bereich gekürzt, als das neue geschaffen werden und andererseits fehlt es den Schulen, an denen nun mehr Studenten eine größere Anzahl an Praktika absolvieren sollen, an Kapazitäten zur Betreuung dieser Studenten.
Auch im Schulalltag wird dann viel verpasst – steigende Klassenstärken und eine immer weiter stattfindende Abschiebung von Erziehungsaufgaben auf die Lehrer führen auch nicht gerade dazu, dass es den Lehrern gelingen kann, in ihrem Unterricht die Inhalte so aufzubereiten, dass bei allen Schülern Interesse geweckt wird.
Aber auch im Elternhaus kann hier viel gemacht werden. Vielleicht sollten Eltern ihren Kindern beim Frühstück eher eine Tageszeitung an die Hand geben, als den Fernseher anzuschalten, wie es leider viel zu oft passiert. In meiner Kindheit und Jugend war es zumindest noch so, dass ich morgens in der Zeitung gelesen habe. Bei den tagesaktuellen Themen stellt sich auch ein Kind dann schon oft die Frage nach dem Ursprung einer gewissen Thematik – und ganz oft ist man da dann ja schon im historischen Bereich. Und das ist dann noch der beste Weg, Interesse zu wecken, nämlich wenn das Interesse aus sich selbst heraus entsteht.

Zum Abschluss etwas Kniffliges. Wir sind zuletzt Zeitzeugen eines imposanten Ereignisses geworden: Barack Obama wurde zum ersten schwarzen Präsidenten der Vereinigten Staaten ernannt. Wie würdest Du dieses historische Ereignis am 20.01.2059 in Deinem Blog thematisieren?

Oh je, das ist wirklich knifflig. Wer weiß schon, was die nächsten Jahre bringen. Und ein historisches Ereignis lässt sich ja meist auch nur im Zusammenhang mit seinen Auswirkungen wirklich beurteilen.
Ziemlich sicher bin ich aber, dass ich als fiktiven Protagonisten jemanden nehmen würde, der dem, wenn man es realistisch betrachtet, doch ziemlich irrationalen Hype, um Barack Obama, besonders stark anheim gefallen war.
Meine Prognose ist, dass wir (oder unsere Nachkommen) vor allem zwei Dinge in Bezug auf Barack Obama in Erinnerung haben werden. Einerseits sicherlich die historische Bedeutung des ersten farbigen Präsidenten für die innere Entwicklung der USA, andererseits aber wahrscheinlich ein Scheitern Obamas, wenn man ihn wirklich in seiner Amtszeit an den, ja fast messianischen, Erwartungen messen sollte, die man in den letzten Monaten auf ihn projiziert hat. Das ist etwas, was kein Mensch wirklich zu schultern in der Lage ist – und was eine riesige Hypothek für ihn und sein Bild in der Geschichte sein könnte.

Vielen Dank für das Interview und weiterhin alles Gute für „Another view on history“.

Link:  another-view-on-history

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